Peter Grimes

Opernkritik: Peter Grimes

Gruselige Dorfgemeinschaft

Gerhard Siegel als Peter Grimes Foto: Thomas Dashuber

Das Münchner Gärtnerplatztheater bietet im Prinzregententheater einen szenisch wie musikalisch aufregenden „Peter Grimes“
Von Klaus Kalchschmid
(München, 21. Oktober 2014) Es sieht aus wie ein riesiger Duschvorhang aus durchsichtigem Plastik, aufgehängt an einer runden Metallstange und nimmt doch im Verlauf des Abends vielerlei Gestalt an, kann eine Welle sein oder ein Netz, schützen oder zu einer Klippe werden, über die ein Junge in den Tod stürzt, je nachdem wie das Ungetüm bewegt und beleuchtet wird. Auch das Boot des Fischers Peter Grimes ist mit durchsichtiger Plastikfolie bespannt, das Segel ebenso. Es ist Symbol für die Verletzbarkeit dieses Mannes, der mit seinem Jähzorn soviel kaputtmacht, dem reihenweise die Lehrjungen verunglücken und dem am Ende sein treuer Freund Balstrode rät, auf die See hinauszufahren und nie mehr wiederzukommen.
Noch einmal erwacht sein toter Junge – wunderbar gespielt von Rafael Schütz – zum Leben und holt ihn mit einer einladenden Geste ins kleine Boot, wie in Brittens letzter Oper „Death in Venice“ Tadzio den alten Dichter Aschenbach vom Meer aus grüßt. Die Nußschale fährt in die Tiefe, derweilen die mitleidlose Gesellschaft sich wieder zur Phalanx an der Rampe formiert; eine Gesellschaft ist das, deren Frauen mit ihren hohen Beton-Turm-Frisuren die Geschichte irgendwo in den 1960ern verorten.
Links und rechts am Portal der bis zur Brandmauer offenen Bühne (Csaba Antal) gibt es schwenkbare (Kommando-)Brücken, auf denen die Hauptfiguren exponiert werden. Ein fahrbarer blauer Container kann Kirche oder Pub sein und ist stets  Symbol für die engstirnige Begrenztheit einer verschworenen Dorfgemeinschaft, die dort betet oder ausgelassen feiert, wo auch schon mal die jungen Fischer betrunken körpernah miteinander tanzen oder sich Sado-Maso-Spielchen liefern. Balasz Kovalik gelingt es, die von Britten musikalisch prägnant karikaturhaft überzeichneten Typen zu schrägem Bühnen-Leben zu erwecken: allen voran Ann-Cathrin Naidu als tablettenabhängige alte Jungfer, Juan Carlos Falcón als eifernder Methodist Bob Boles, Holger Ohlmann als zuhälterhaft aufgebrezelter Apotheker und Quacksalber Ned Keene, Snejinka Avramova als resolute Wirtin Auntie, Stefan Thomas als aasiger Reverend Horace Thomas oder Frances Lucey und Elaine Ortiz Arandes als schamlose „leichte“ Mädchen, „Nichten“ bei Britten genannt. Allen hat Mari Benedek die Kostüme wunderbar typgenau passend geschneidert, während der fabelhaft präzise singende Chor des Gärtnerplatztheaters samt Extrachor eher uniformiert daherkommt – auch er irgendwann in durchsichtigen Plastiküberhängen.
Gerhard Siegel – einst gefeierter Mime in Bayreuth – versteckt unter der bulligen Statur und seinem immer noch glanzvollen heldischen (Charakter-)Tenor eine tiefe Verletzlichkeit, die unvermittelt als brachiale Wut und Aggression aufbrechen kann. Dann ist nichts und niemand vor ihm sicher, auch nicht die geliebte Ellen Orford, die vergeblich gute Freundin und dem Lehrjungen Mutterersatz sein will und von der Grimes glaubt, er könne sie nur mit Geld und Gut, das er als Fischer erwirtschaftet, vor den Traualtar führen. Die immer wieder musikalisch wunderbar intensiv aufblühende Edith Haller – Bayreuths aktuelle Elsa – zeigt Kovalik im Kostüm als Teil der Dorfgemeinschaft. Schon als Lehrerin macht sie sich freilich Sorgen um die ihr Schutzbefohlenen, um am Ende aber doch hilflos dabeizustehen, wenn Balstrode Peter Grimes als einzige Möglichkeit der Flucht vor der aufgebrachten Dorfgemeinschaft den Suizid offenbart. Ashley Holland ist dieser bärbeißige, bärtige alte Kapitän, dessen Bariton ebenfalls immer wieder Verletzlichkeit durchschimmern lässt.
Aber was wäre ein „Peter Grimes“ ohne ein ungemein farbiges Orchester, das sowohl die auch im Konzertsaal erfolgreichen „Four See Interludes“ atmosphäredicht spielt und aufrauschen lässt, aber auch in den kammermusikalischen Passagen großartig musiziert. Marco Comin hat das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz auf die mal herbe, mal musicalhaft prägnante, dann wieder klanglich scharf geschnittene Musik großartig eingeschworen. Da fallen ein paar Patzer dank Premierennervosität wirklich nicht ins Gewicht. Eine rundum gelungene, in ihrer Doppelgesichtigkeit aus Andeutung und schmerzlicher Konkretion hervorragende Produktion also, die absolut sehens- und hörenswert ist.
Weitere Aufführungen nur noch am 27., 29. und 31. Oktober, jeweils 19.30 Uhr www.gaertnerplatztheater.de  

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