Perlenfischer

Opernkritik: Perlenfischer

Realitätssschwund auf der Insel

Nathan Gunn (Zurga), Diana Damrau (Leila) und Nicolas Testé (Noubarad) Foto: Werner Kmetitsch

Georges Bizets "Perlenfischer" im Bollywood-Stil am Theater an der Wien
Von Derek Weber
(Wien, 16. November 2014) Bizets frühe Oper "Les Pêcheurs des Perles" erlebt gerade – wer weiß, warum – eine Konjunktur. Die Handlung spielt in alter Zeit auf Ceylon, an der Küste und – wie der Name nahelegt – unter Perlenfischern.
Zu Beginn der neuen Wiener Inszenierung sieht man tatsächlich einen Strand. Doch die alten Zeiten sind längst vorbei. Reality-TV hat auch dort Einzug gehalten. Eine Filmgesellschaft setzt die Handlung hektisch in Gang. Ein zum Häuptling erkorener Liebhaber (Zurga) ist vermutlich ermordet worden, der andere (Nadir)  flüchtet mit der Frau (Leila), die zwischen ihm und dem Opfer steht, auf und davon. Der Oberpriester kommentiert die Handlung fürs Fernsehen und bleibt als Überwacher des Rituals – natürlich braucht man für den Kontakt mit den Göttern eine Jungfrau – erstaunlich neutral. Weil´s ja eben nur eine Show ist. Oder doch nicht? Am Ende werden Reality und Wirklichkeit von der Regie ordentlich durcheinandergemischt.
Entstanden ist die Oper 1863, als der Exotismus in Frankreich groß in Mode war. Dementsprechend hat die Musik einen Anflug von lyrischer Fremdartigkeit. (Bizet hatte ja – siehe "Carmen" – ein Faible dafür.) Das Libretto der "Pêcheurs des Perles" war allerdings bei weitem schlechter als jenes der spanischen Fabel. Die Librettisten Eugene Cormon und Michel Florentin Carre haben sich sogar ein bisschen geschämt dafür. "Wenn wir gewusst hätten, wieviel Talent Monsieur Bizet besitzt, hätten wir ihm nie diesen infamen Theaterschinken vorgesetzt", entschuldigten sie sich hinterher.Na ja, dramaturgisch ist das Stück, von dem jeder zumindest Nadirs Arie "Je crois entendre encore" und ein Männerduett ("Au fond du temple saint") kennt, keine Offenbarung, aber es hat hübsche Melodien, fremdartige Harmonien und Tonfolgen, in manchen Momenten auch dramatisches Espressivo.
Die Regisseurin Lotte de Beer hat sich an eine Reality-Show erinnert gefühlt und hält damit auch nie hinter dem Inselberg. Das bringt nicht allzu viel, zeigt plakativ einen Regisseur und seine Crew von herumschubsenden Assis bei der Arbeit. Die männlichen Solisten singen in Großaufnahme in laufende Kameras, was immerhin fokusierenden Effekt macht, und Angela Denoke muß sich anfangs augenzwinkernd als sich verrenkende Inselschönheit präsentieren, ehe sie ganz in die Rolle schlüpfen darf.Die wirklichen Inselbewohner werden gleich zu Beginn ihres Strandes verwiesen, ihr Behausungszelt wird demoliert. Dann beginnt die Reality Show:  Verlogene Riesenmuscheln, Riesenperlen und possierliche Exotenmädchen treten auf.
Gewonnen wird damit nicht viel. Doch die Geschichte hat nun ein Gerüst, so daß sich keiner mehr um theatralische Logik kümmern muss. Der Kern der Handlung – einer Dreiecksgeschichte mit religiösen Ingredienzien – geht jedenfalls – Reality hin, Reality her – auch so auf, und man kann sich in Ruhe auf die Musik konzentrieren, ohne viele Fragen wälzen zu müssen. Denn schließlich lebt die Inselgeschichte ja doch vor allem von der Musik.
Und die Musik ist beim belcantoerfahrenen Jean-Christophe Spinosi am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien in besten Händen. Er hat ein lebendiges Gespür für diese über weite Strecken exotisch daherschwebende Musik, weiß zuzupacken, wo es notwendig ist, und findet am Ende den rechten Ton für die mitleidende Musikdämmerung des Feuertodes von Zurga, der sich für Leila und Nadir opfert.Gesungen wird mit Hingabe: Auch wenn der vokale Faden bei Angela Denoke zwischendrin in den Höhen ein wenig dünn zu werden droht, ist sie am Ende so souverän wie immer. Nathan Gunn hat den nötigen lyrisch unterlegten dramatischen Biss für die Rolle des Zurga, und der russische Tenor Dmitry Korchak gestaltet seinen ersten Auftritt in Wien als Nadir bravourös und ohne jene Höhenängste, von denen Tenöre befallen zu werden pflegen, wenn sie in schwierig-schwindelndes Terrain vordingen müssen. Nicolas Testé rundet die Riege der Solisten als Oberpriester Nourabad ab.
Der Arnold Schoenberg Chor hält sich diesmal im Hintergrund (wohin er von der Regie ohnehin verbannt ist, weil er das TV-reality-geile Fernsehpublikum in einer modernen Mietkaserne mimen muss). Lotte de Beer schafft mit Phantasie, handwerklichem Geschick (und mit Hilfe des Dramaturgen Peter de Nuyl) am Ende die Rückkehr zur originalen Geschichte. Nur, was das immer wieder eingeblendete kleine Mädchen vor seiner Wohnungstür in dem Stück verloren hat, wird einem nicht klar.
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