Penthesilea in Basel

Das Drama zermalmt seine Darsteller

Othmar Schoecks Oper „Penthesilea“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels am Theater Basel
(Basel, 3. November 2007) Acht Opern hat der Schweizer Komponist Othmar Schoeck geschrieben. Eine schafft es heute noch auf die Spielpläne der großen Theater: „Penthesilea“. In einer Inszenierung von Regie-Altmeister Hans Neuenfels und unter der musikalischen Leitung des Schoeck-Spezialisten Mario Venzago hatte  
der Einakter am 3. November am Theater Basel Premiere. In einem Porträt fürs Kino, das der Bruder des Dirigenten, Alberto Venzago, gemacht hatte, konnte man schon ein wenig eine Vorstellung davon bekommen, was einen in der Oper nach dem Kleistschen Drama erwartet. „Mein Bruder, der Dirigent“ zeigt die Beschäftigung Mario Venzagos mit „Penthesilea“ anhand von Proben zu einer konzertanten Aufführung in  Luzern 1999. Venzago, der sich von der Oper „unendlich berührt“ fühlt, hat auch jetzt mit dem Sinfonieorchester Basel hervorragende Arbeit geleistet.
Die musikalische Leistung des Orchesters mit seinem ehemaligen Chefdirigenten stützte die Inszenierung durchgehend. Dabei wurden die Zerrissenheit der Amazonenkönigin und die ganz großen Gefühle sehr deutlich. Höhepunkt war das nachträglich von Schoeck eingefügte Liebesduett zwischen der Titelfigur und ihrem geliebten Feind Achilles, in dem die spätromantischen sinfonischen Wellen hochschlugen. Großartig auch der Moment, in dem diese trügerische Seligkeit in ihr Gegenteil umschlägt. Ein einzelner gehaltener Ton bleibt übrig, ist voller Restsüße und Ungewissheit und mündet in den langen Schluss, wo aus Liebe Zerstörung wird. Ausdauernde Streichertremoli waren hier nicht platte Klangfläche, sondern drückende Intensität: das Drama zermalmt seine Darsteller. Der Schluss dann endete in der gleichen dumpfen Mattheit, mit der die neunzigminütige Oper auch begonnen hatte.
Hans Neuenfels zeigt, dass Liebe und Zerstörung nicht immer  Gegensätze sind. Von dem für seine psychologischen Deutungen bekannten Musiktheater-Regisseur hätten wir auch nichts anderes erwartet. Wenn sich Penthesilea über ihre neu erwachten Liebeshormone freut, spielt sie mit ihrem Bogen, ist halb Amor, halb Amazone, die auf den gefesselten Achilles zielt. Und wenn sie den scheinbar Gefangenen küsst, tut sie das nicht auf seinen Mund, sondern nimmt seine Stricke beißend in den ihren. „Küsse und Bisse“, das weiß der Text an späterer Stelle, «reimen» sich eben. Achilles ist ja nicht wirklich Gefangener der Amazonen, denn eigentlich haben die Griechen in der Schlacht gesiegt. Ein Schicksal, das sich im Verlauf der Oper noch ein paar Mal hin und her wendet. Neuenfels verzichtet auf allzu viel Kampfgetümmel auf der Bühne. Er zeigt vielmehr die Unvereinbarkeit des männlichen Griechenheers mit seinen weiblichen Widersachern: Sind nämlich die Amazonen in strenger Uniform, so kommen die Griechen als Cowboys, Mafiosi oder Piraten daher (Kostüme: Elina Schnizler). Damit ist der Verfremdung aber auch schon genug getan. Das Bühnenbild (Gisbert Jäkel) ist, wenn nicht griechisch, so doch klassisch modern und von schlichter Schönheit.
Dass sich die beiden bei zunehmender Unversöhnbarkeit via Mikrophon anschreien, ist weniger ein Inszenierungsgag, als dass Neuenfels damit berücksichtigt, dass eine Sprechstimme gegen den Fortissimoklang eines Sinfonieorchesters einfach keine Chance hat. Verständlichkeit und Textverständlichkeit ist hier wichtig. Zu wenig bekannt ist doch diese 1927 uraufgeführte Oper. Dieses Ziel ist ersichtlich an den Übertiteln der deutsch gesungenen Oper, die mitten im Bühnenbild dort aufscheinen, wo man beim besten Willen nichts verstehen kann. Und die dort wieder „stumm“ bleiben, wo Textverständlichkeit gegeben ist und man nur zuhören soll.
Die zentrale Kampfszene zwischen Penthesilea und Achilles kommt gar ohne Worte aus. Neuenfels hat sie – erfahrener Theatermann – hinter die Bühne verlegt. Das erspart uns eine peinliche Pantomime und lässt eine lohnende Konzentration auf die recht straussnahe, formal aber extremere Musik zu. Zur Leistung des Sinfonieorchesters kommen diejenigen der Gesangssolisten und des Chors, die unbezweifelt als sehr hoch eingestuft werden können. Tanja Ariane Baumgartner war eine „männlich“ grundierende, dabei auch in Höhen gleichmäßig und souverän starke Penthesilea. Thomas J. Meyer gab den Achilles überzeugend kraftvoll, aber nicht forciert. Die von Ursula Füri-Bernhard gesungene Amazonen-Fürstin Prothoe war stimmlich glänzender als die Amazonenkönigin: eine gefährliche Konkurrenz.
Benjamin Herzog

Vorstellungen bis im Januar 2008. www.theater-basel.ch

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