Penelope in Straßburg

Opernkritik: Pénélope

Alles fließt

Anna Caterina Antonaci als PénelopéFoto: Klara Beck

Olivier Py inszeniert an der Straßburger Opéra National du Rhin Gabriel Faurés äußerst selten gespielte Oper „Pénélope“. Und schafft gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Pierre-André Weitz eine Bilderflut.
Von Georg Rudiger
(Straßburg, 23. Oktober 2015) Alles fließt. Die Streicherlinien, die Gabriel Faurés Oper „Pénélope“ eröffnen, verschlingen sich und kulminieren in kurzen Ausbrüchen, ehe sich ein nächstes Motiv durch die Orchester- und Vokalstimmen schlängelt. Die Bewegungen spiegeln sich in der fast schon choreographierten Inszenierung von Olivier Py. Auch die Drehbühne wird im Straßburger Opernhaus immer wieder in Gang gesetzt. Das zentrale Element ist Wasser (Bühne und Kostüme: Pierre-André Weitz) – eine Inszenierung aus dem Geist der Musik.

Wieder hat Intendant Marc Clémeur an der elsässischen Opéra National du Rhin ein Werk programmiert, das so gut wie nie auf der Bühne zu sehen ist.  Die deutsche Erstaufführung des 1913 vollendeten, dreiaktigen „Poème lyrique“ dirigierte Fabrice Bollon 2002 an der Chemnitzer Oper. Seitdem erfolgte keine weitere Produktion in Deutschland. Auch in Frankreich hat es „Pénélope“ mit der großen Titelpartie und der dichten, meist introvertierten Musik nicht ins Repertoire geschafft. Es gibt keine Hits in dieser von einem Dauerarioso geprägten Oper. Die ständigen thematischen Verarbeitungen auf engstem Raum, die auch Faurés Kammermusik prägen und sich in diesem Spätwerk niederschlagen, sorgen für keine klaren Verhältnisse. Auch harmonisch bewegt sich der Komponist häufig im Ungefähren. Alles fließt. Olivier Py sieht „Pénélope“ als Schwesterwerk zur vier Jahre früher entstandenen Oper „Ariane et Barbe-Bleu“ von Paul Dukas, die er in der letzten Spielzeit am Straßburger Opernhaus mit dem gleichen Bühnenbildner in Szene gesetzt hat. Hier wie dort steht eine Frau im Mittelpunkt, die sich in einem emotionalen Wartezustand befindet. Dukas‘ chromatisch durchsetzte, raffiniert instrumentierte Musik ist ähnlich verschlungen wie Faurés Spätwerk.

Pys Regie erscheint fast als Fortsetzung seiner „Ariane“-Inszenierung. Wieder gibt es Tänzerinnen und Tänzer, die Figuren verdoppeln und viel Haut zeigen. Wieder folgt die Bildsprache einer ganz eigenen, traumähnlichen Logik. Auch Tiere finden sich auf der Bühne. Ein Pferd mit Reiter stapft im dritten Akt durchs Wasser. Statt des Raubvogels, der bei Herzog Blaubart auf der Bettkante saß, springt hier ein Hund um die Ecke, als Odysseus nach Ithaka zurückkehrt. Es ist der erste, der den Helden von Troja erkennt, während dieser sich weißen Schlamm ins Gesicht schmiert. Die aggressiven Freier, die Penelope bedrängen, vergnügen sich ersatzweise mit den Mägden, die daran durchaus Gefallen finden. Der runde Palast, den Pierre-André Weitz aus Fassaden gebaut hat, ist bruchstückhaft und immer veränderbar. Ständig wechselt die Perspektive, wenn die Bühne wieder in Bewegung gerät. Das Wasser verleiht dem Ambiente, verbunden mit der Lichtkunst von Bertrand Killy, eine poetische, traumverlorene Atmosphäre. Dem Regieteam gelingen beeindruckende Bilder, wenn Laertes Totentuch, an dem Penelope webt, als riesiges Laken vom Himmel herabschwebt und sich die Wellen darin spiegeln. Penelopes Einsamkeit ist mit den Händen zu greifen, wenn sie ganz alleine im dunklen Wasser steht.

Aber Pys Bilderflut kann auch ablenken vom eigentlichen Geschehen. Während sich Penelope und Odysseus eher vorsichtig wieder begegnen, geht es bei Paaren im Hintergrund deutlich zur Sache. Zum Happy End schwebt etwas unmotiviert eine barbusige Athene herab und steigt wieder empor. Auch der Tänzer, der den Sohn Telemach beziehungsweise den jungen Odysseus verkörpern soll, wirkt nur redundant.

Die häufigen Wassergeräusche übertönen zuweilen musikalische Nuancen, die das Orchestre symphonique de Mulhouse unter Patrick Davin gestaltet. Der Streicherklang mischt sich in der trockenen Akustik des Hauses erstaunlich gut. Der kammermusikalische Grundton, der nur für kurze Momente einem symphonischen Funkeln weicht, passt zum lyrischen Charakter der Oper.
Besonders bei den Holzbläsern kann das Orchester das hohe Niveau nicht den ganzen Abend über halten, aber Davin gelingt eine farbenreiche, sich Zeit nehmende Interpretation. Und wenn Bassklarinette oder Englischhorn mit ihrem dunklen, warmen Ton ihre weiter dimensionierten Kantilenen spielen, dann entstehen wichtige Ruhepunkte.

Anna Caterina Antonaci bleibt als Penelope auch in den dramatischeren Passagen einer lyrischen Klanggebung verpflichtet. Die italienische Sopranistin muss aber nie forcieren, um kraftvoll zu wirken. Eine Penelope mit Stolz und Würde. Marc Laho zeigt als Odysseus ebenfalls viele Zwischentöne, wobei die heldenhafte Strahlkraft doch ein wenig zu kurz kommt, zumal sein größter Widersacher Eurymachos (Edwin Crossley-Mercer) sein dramatisches Potential durchaus entfaltet. Odysseus‘ Bogen kann er allerdings ebenso wenig spannen wie seine vier Mitstreiter. Am Ende tötet der listige Kriegsheld mit Unterstützung der Hirten  (Einstudierung Chor: Sandrine Abello) alle seine Widersacher. Und darf sich mit seiner Gattin im Liebesglück wiederfinden, das Gabriel Fauré in reinstem Dur erstrahlen lässt.

Weitere Vorstellungen: Straßburg/Oper: 29./31.10., 3.11., jeweils 20 Uhr. Mulhouse/La Filature: 20.11., 20 Uhr, 22.11., 15 Uhr. www.operanationaldurhin.eu

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