orlando furioso

Kaleidoskop der Stimmen

Foto: A.T.Schaefer

Antonio Vivaldis "Orlando furioso" an der Bayerischen Theaterakademie in der Regie von Christof Nel und unter der Leitung von Michael Hofstetter am Pult der Münchner Hofkapelle als fulminantes musikalisches Feuerwerk
(München, 10. November 2009) Schlichter geht es kaum: Vor dem eisernen Vorhang des Prinzregententheaters ein Metallgerüst mit Treppen, von dem ein Baumstamm als Steg schräg über den Orchestergraben ins Publikum führt (Bühne: Thomas Goerge). Und schon mit den ersten Rezitativ-Takten von Antonio Vivaldis "Orlando furioso" setzt ein szenisches und musikalisches Verwirr- und Vexierspiel ein, das die Geschichte von Orlando, seiner Geliebten Angelica, deren Verehrer Medoro, der Zauberin Alcina, dessen Ex-Lover Astolfo und einer Parallelhandlung um das Paar Bradamante/Ruggiero wie in einem Prisma zersplittern lässt.
Statt der sieben Figuren des Librettos von Grazio Braccioli wuseln elf über die Bühne und das Gerüst. Die komplizierte Verflechtung der Handlung wird weiter aufgefächert, indem den drei Frauen und Astolfo "Freundinnen" oder "ein Freund" beigesellt werden, die sich ins Wort fallen, die aus dem rasanten, vorwärtstreibenden Parlando Vivaldis ein Kaleidoskop der Worte, Töne, Gesten und Blicke macht. Dabei wird es in pausenlosen 130 Minuten dem Zuschauer- und hörer ganz gehörig schwindelig. Wie gut, dass Valer Barna-Sabadus als Orlando und Roland Schneider als Ruggiero, also zwei grandiose junge Countertenöre als männliche Hauptfiguren für sich selbst stehen und so etwas wie einen Charakter formen dürfen.
Regisseur Christof Nel hat aus der Not(wendigkeit), möglichst viele junge Sänger der Theaterakademie zu beschäftigen, eine (nur begrenzte) Tugend gemacht, aus sieben Partien einen Haufen quirliger Pennäler in Petticoat, Strickpullover, Hemd und altertümlichen Hosen der 50er Jahre (Kostüme: Dagmar Morell). Dass Nel mit diesem Spiel im Spiel den Kern der Handlung, Orlandos zunehmenden Wahnsinn und seine Heilung ironisiert und damit wenig ernst nimmt, wird dabei billigend in Kauf genommen, konterkariert aber die dramaturgische Schlüssigkeit des Werks.
Glücklicherweise hat Dirigent Michael Hofstetter mit seinen beiden muskalischen Studienleitern Joachim Tschiedel und Maria Fitzgerald sowohl die Neue Münchner Hofkapelle auf Originalinstrumenten wie auch alle jungen Solisten auf Vivaldis musikalische Sprache perfekt eingeschworen und Arien wie Rezitative fantastisch genau einstudiert. So geht von jedem gesungenen Takt, von jeder Wendung im Orchester eine Intensität und Spannung, ja ein Thrill und Drive aus, wodurch die Aufführung bei aller Detailverliebtheit eine große Geschlossenheit und zwingende Unmittelbarkeit erhält.
Klaus Kalchschmid
Aufführungen am 13., 16., 18. und 20. November (19.30 Uhr)