Orfeo in Stockholm

Foto: Martin Hellström

Monster in diffusem Licht

Glucks „Orfeo ed Euridice“ im Confidencen, dem ältesten Theater in Stockholm

Von Derek Weber

(Stockholm, 15. Juli 2017) Seit einigen Jahren kann das älteste Theater Stockholms, das am Stadtrand gelegene Confidencen-Theater auf dem Gelände von Schloss Ulriksdal, wieder bespielt werden. Aufgeführt wurden bisher Mozarts Da Ponte-Opern. In diesem Sommer steht Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ in der italienischen Wiener Uraufführungsfassung von 1762 auf dem Programm.

Von Sensationen ist hier nicht die Rede, es sei denn, man sieht Aufführungen bei „originalem“ Kerzenlicht als sensationell an. (Was man allerdings nach dem Besuch der Vorstellung durchaus tun kann. Die Aufführung hinterlässt einen besonderen, anrührenden Eindruck.)
Die „Seele“ des Ganzen ist Eingeweihten kein ganz Unbekannter: Arnold Östman, der in den 1980er-Jahren Intendant des Drottningholm-Theaters (in der Nähe von Stockholm) war und eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der historischen Aufführungspraxis spielte, hat sich wieder der Oper zugewandt. Von dem Wirbelwind, der er einmal war – man denke nur an seine damals entstandene Aufnahme von „Così fan tutte“ – hat er sich zu einem Dirigenten weiterentwickelt, der das Volksliedhafte, „Weiche“ bei Mozart in den Vordergrund rückt.

Das macht auch Glucks „Orfeo“ zu einer besonders liebenswerten Erfahrung. Einmal hat man hier die fast einmalige Gelegenheit, die Ballettmusik, die der Komponist für die Oper geschrieben hat, kennenzulernen, zum anderen sind selbst die Furien quasi rokokohaft von ihrem Schrecken befreit. Während andere „Originalklang“-Dirigenten die dramatischen Härten der Musik betonen, führt Östman eine Musik vor, die noch viel näher bei Monteverdis Dramatizität angesiedelt ist.

In einem szenisch-musikalischen balletthaften Prolog wird die Vorgeschichte der Oper – dass Euridice von einer Schlange gebissen wurde – erzählt. Das ist das Sujet, das mit dem Begriff der „azione teatrale“ gemeint ist: Eine noble theatralische Fassung des Stoffs, bei der das Balletthafte zu seinem Recht kommt. Das Eigentümliche an Östmans Fassung besteht nicht nur in der quasi kammermusikalischen Reduzierung des Streicherapparats (insgesamt sind mit den Holzbläsern neun Musiker am Werk, die unter Östmans Leitung spielen). Das Besondere an der „Confidencen“-Aufführung besteht in der Ausdehnung des Begriffs „historische Aufführungspraxis“ auf das Szenische selbst, auf die „historischen“ Bewegungen der Sänger und auf die zentrale Rolle des Tänzerischen und Pantomimischen im Regie-Konzept, für das Östman selbst verantwortlich zeichnet.

Foto: Martin Hellström

Foto: Martin Hellström

Das zentrale Element ist hier das „historische“ Licht: Die Bühnen-Beleuchtung kommt allein von Dutzenden von Kerzen, von Kerzenleuchtern, die zum Teil in den Kulissen untergebracht sind, bis hin zum Rampenlicht. Dieser Effekt lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Selbst die Fotos, die der Theater-Fotograf geschossen hat, vermögen dieses Dämmerlicht nicht einzufangen; sie setzen auf Schärfe, wo auf der Bühne das Diffuse regiert.

Nichts ist in dieser Aufführung gestochen scharf: Was für ein Effekt, wenn die Monster der Unterwelt nicht genau zu identifizieren sind, sondern irgendwo im Halbdunkel hinter dem hellen Rampenlicht ihr Unwesen treiben!
Gesungen wird in dem kleinen Holzraum mit quasi spielerischer Leichtigkeit: Die Sängerinnen – Östman verzichtet auf die Besetzung der Rolle des Orfeo mit einem Countertenor – sind jung, die Stimmen dem kammermusikalischen Rahmen angepasst, sind behende, luftig und leicht, und scheinen dem vom Barock herkommenden Recitarcantando nahe.
Von den drei Sängerinnen hinterlässt jene des Orfeo (Marina Sanner) den stärksten Eindruck. Und der Chor? Er besteht aus nicht mehr als vier Sängerinnen und Sänger. Was für ein Kontrast zu dem „großen“ Theater, das uns in Kürze – auch was das Publikum betrifft – in Salzburg erwartet!

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