Orfeo ed Euridice

Auskomponierte Eifersucht

Foto: Theater Augsburg/A.T.Schäfer

Kevin John Edusei debütiert als neuer erster Kapellmeister in Augsburg mit Glucks „Orfeo ed Euridice“
(Augsburg, 9.11.2007) Was für ein toller realistischer Raum, als wär’s das Set von Kubricks genialem Kostümfilm „Barry Lyndon“ – mit ebenso vielen echten Kerzen! Wenn sich das täuschend echt gemalte barocke Stilleben als Vorhang hebt, sieht man auf eine dreigeteilte Bühne: Links ein Vorzimmer, rechts das mehrstöckige Treppenhaus, in der Mitte ein hohes, opulent holzgetäfeltes Arbeitszimmer mit verglasten Türen nach hinten. Rechts ein Schreibtisch mit Notenschrank, links vorne ein edles Cembalo, an dem ein Mann in der Kleidung des späten 18. Jahrhunderts sitzt und Noten schreibt, dabei nervös hin- und her läuft, während eine Frau ihn offensichtlich an der Arbeit hindert, schließlich kleine Schriftstücke fallen lässt und später im Treppenhaus ohnmächtig zusammenbricht.
So beginnt in Augsburg Glucks „Orfeo ed Euridice“ und noch darf gerätselt werden, was das alles bedeutet: Warum Euridice nicht am Schlangenbiss stirbt, sondern offensichtlich eine Herzattacke erleidet – ob eines desinteressierten, ganz seiner Kunst verschriebenen Ehemanns. Hat sie etwa Briefe an eine Geliebte gefunden? Der junge amerikanische Regisseur Thaddeus Strassberger, der auch selbst das Bühnenbild entworfen hat, macht es dem Publikum nicht leicht zu verstehen, was da alles zu sehen ist. Auch wenn sich die Rückwand hebt und der statuarisch geführte Chor zum Einsatz kommt, wird das Ganze noch mehr verrätselt als plausibel gemacht. Kommt hinzu, dass Kevin John Edusei, der junge erste Kapellmeister des Augsburger Theaters unter der neuen Intendantin Juliane Votteler bei seinem Einstand anfangs allzu sehr auf feine Schattierungen setzt und das dramatische Potential der Partitur nicht genügend ausreizt.
Das sollte sich nach der Pause grundlegend ändern – wenn Orfeo gerade seine Euridice in der Unterwelt wiedergefunden hat und sich auf den Weg in die Oberwelt macht mit der Vorgabe, sie nicht ansehen zu dürfen. Die nun folgende, grandios auskomponierte Eifersuchtsszene lockte nicht nur den Dirigenten aus der Reserve, nun wurde auch die Inszenierung plastischer, verblüffte sie gar durch fantastische Theater-Coups (die hier nicht verraten seien) und ein Ende wie es desillusionierender nicht sein könnte. Denn zwar wird die erneut „getötete“ (hier vor Orfeo ins Treppenhaus flüchtende) Euridice „gerettet“, aber das Paar geht fortan getrennte Wege. Ein kleiner Junge im Mozart-Look weist Orfeo, in dem hier auch Gluck selbst dargestellt sein könnte, neue Wege am Horizont, war doch „Orfeo ed Euridice“ 1762 Glucks erste „Reform-Oper“, die allmählich die italienische opera seria ablöste. Mozart war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt, sollte aber im Alter von 11 bereits seine erste große Opera buffa komponieren, „La finta semplice“, während der ältere Kollege seine musikdramatischen Prinzipien zur gleichen Zeit mit „Alceste“ (1767) fortsetzt.
Augsburg bietet für die drei Rollen des „Orfeo“ vielversprechende neue Ensemble-Mitglieder auf: Die junge Holländerin Jean Broekhuizen gestaltet den Orfeo mit feiner, wenn auch allzu heller, nicht immer optimal fokussierter und in der Tiefe noch etwas blasser Mezzostimme, Sophia Brommer ist bewußt als reife Frau mit schönem, weiblich samten klingendem Sopran besetzt (demnächst Konstanze in der neuen „Entführung“), während Anja Metzger den Amor (hier eine Bedienstete des Hauses) mit leichter Soubretten-Stimme singt. Exzellent auch der Chor, einstudiert von Karl Andreas Mehling.
Klaus Kalchschmid
Weitere Aufführungen: 13., 14. und 23. November; 14., 16. (15 Uhr), 23. (18 Uhr) und 29. Dezember.
www.theater.augsburg.de

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