Norma in Prag

Haute Couture im Krieg

Bellinis "Norma" als Besatzer-Drama der 40er Jahre in Prag
(Prag, 4. November 2007) Natürlich ist Tschechiens Metropole vor allem stolz auf seine Hausgötter: auf Mozart – mit "Don Giovanni" und "Titus", die hier am Stände-Theater (dem heutigen Tyl-Theater) 1787 und 1791 uraufgeführt wurden. "Don Giovanni" ist neben regelmäßigen Bühnenaufführungen auch dauerhaft populär als Marionettentheater, "Titus" machte zuletzt Furore in einer Produktion von Ursel und Karl-Ernst Herrmann am Nationaltheater. Tschechischen Komponisten gilt stets ein Schwerpunkt – mit Antonín Dvoráks "Rusalka" sowie "Katinka und der Teufel", Bohuslav Martins "Griechischer Passion"und Janácek "Jenufa" in dieser Spielzeit des Narodní Divadlo, des Nationaltheaters, in dem auch Schauspiel und Ballett gegeben wird. Vor allem aber wird Smetana gepflegt, fast durchweg in folkloristischen, recht traditionellen, prallbunten Versionen: Nicht nur die unverwüstliche "Verkaufte Braut", sondern auch "Der Kuss" und "Das Geheimnis"; zum 125. Jubliäum aber wurde auch erneut "Libussa" gezeigt, mit der das Nationaltheater 1881 eröffnet und zu wichtigen Ereignissen der Prager Historie immer gespielt wurde. Sogar der Stein am Ufer der Moldau, aus dem sie einst angeblich die Gründung der Stadt Prag gelesen hat und ihr eine glorreiche Zukunft prophezeit haben soll, kann noch heute bestiegen werden, freilich umbaut von einem Restaurant. Dazu passt die Geschichte der ebenso sagenumwobenen Druiden-Priesterin Norma, die aus Mond und Wolken orakelt. Doch Vincenzo Bellinis gleichnamige Oper kam erst nach 70 Jahren wieder auf den Spielplan einer Prager Bühne. Für Gesprächsstoff sorgte vor allem die Tatsache, dass erstmals der renommierte tschechische Modeschöpfer Osmany Laffita die Kostüme für eine Oper entwarf. Das prägte von Anfang an die Optik dieser Aufführung, denn Berger-Gorski lässt "Norma" in einem eleganten Salon der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts mit opulentem Lüster beginnen. Da geht es vornehm zu, da darf auch glitzernder Swarowski-Strass getragen werden (wie es die Damen auf der Premierenfeier mit dem ineinander verschlungenen Logo Laffitas um den Hals ebenfalls taten).
Adalgisa (Carmen Oprisanu) ist die einzige, die Farbe trägt – und einen schicken Hosenanzug à la George Sand: in leuchtendem Rot sitzt sie unübersehbar zu Beginn links vorne an einem Flügel und schlägt die Noten zu Bellinis Oper auf, bevor Norma erscheint, den Ritus des Mistelschneidens vorbereitet und zutiefst erschrickt, als die Amme Clothilde mit ihren beiden kleinen Jungs erscheint, als käme sie gerade vom Shopping. Dabei sollte doch geheim bleiben, dass Norma, die keusche Priesterin, sie mit einem jungen Besatzer gezeugt hat. Am Flügel bricht Adalgisa ganz am Schluss – nach dem doppelten (Liebes-)Tod Normas und Polliones durch Gewehrkugeln und Flammen – auch verzweifelt zusammen. Endlich wird ihre Geschichte, die hier als Rückerinnerung gelesen werden muss, einmal prominent und zu Ende erzählt. Denn SIE ist es ja, die als einzige überlebt und am Ende nicht nur mit Pollione den Geliebten verloren hat, sondern auch – in Norma – die verständnisvolle Freundin.
Berger-Gorski zeigte mit Gewehren und über die Bühne schwenkenden Verfolgungsscheinwerfer die allgegenwärtige Bedrohung durch die Besatzer. „Casta Diva", Normas berühmtes Friedensgebet, mit dem sie ihr unterdrücktes Volk beschwichtigen will, hat hier ein Pendant, wenn im zweiten Teil, der im zerbombten Ambiente spielt, Normas magischer, von alten Matrazen verdeckter Kreis zum martialischen "Guerra, Guerra"-Chor schließlich freigeräumt wird – und sie, zusammen mit dem Schlafsofa Polliones und Normas auf einen imaginären Scheiterhaufen geworfen wird.
Zentrum der Aufführung ist in Olga Makarina eine Norma, die mit schöner, heller, leichter, aber tragfähiger und – wenn nötig – auch groß aufblühender Stimme die Rolle bravourös bewältigt, stimmlich wie darstellerisch. Nie forciert die Russin, die schon als Gilda, Lucia und Imogene in "Pirata" und Aminta "La sonnambula" von Bellini an der MET erfolgreich war, sondern geht die tiefe Lage wie auch die dramatischeren Stellen ganz unverkrampft an, singt dank einer beweglichen Stimme auch die Koloraturen bestechend präzise. Carmen Oprisanu – bei den diesjährigen Münchner Opernfestspielen an der Seite von Edita Gruberova eine flammend jugendliche Adalgisa – war bis kurz vor der Premiere krank. Das hörte man ihrer Stimme noch an, dennoch war sie eine ebenbürtige Adalgisa und auch der "Haustenor" des Nationaltheaters, der auch Rodolfo, Alfredo, Don José, den Prinzen in "Rusalka" und in diversen Smetana-Opern auftritt, brauchte einige Zeit, um sich frei zu singen, war dann aber den Damen ein adäquater Partner – nicht zuletzt im Spiel, das Berger-Gorski ebenso exzessiv und schlüssig von allen Beteiligten fordert.
Dem Dirigenten Oliver Dohnányi gelang es zunehmend, Chor und Orchester des Nationaltheaters auf den oft intimen, zart sich entfaltenden Ton von Bellinis Meisterwerk einzustimmen und die Sänger ebenso innig wie ausdrucksvoll zu begleiten, aber auch dramatische Akzente zu setzen.
Klaus Kalchschmid

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