Neujahrskonzert Thielemann

Mendelssohns selbsternannter Antipode

Christian Thielemanns Sylvester- und Neujahrskonzert mit den Münchner Philharmonikern

(München, 2. Januar 2010) Es ist natürlich müßig darüber zu spekulieren, was Christian Thielemann in München nicht noch alles hätte dirigieren können, wäre die Vertragsverlängerung glatt über die Bühne gegangen und hätte es nicht die sattsam bekannten Verwerfungen gegeben, die zu seinem unerwarteten Abgang aus München in eineinhalb Jahren geführt haben. Und doch: Wie spannend wäre es z.B. gewesen, hätte sich Thielemann für das Werk Mendelssohns hier stärker engagiert, ein Feld, auf dem er und München sicher noch einiges entdecken hätten können. Warum gerade Mendelssohn? Nun, weil Thielemann den Jubilar des Jahres 2009 gerade noch rechtzeitig auf’s Programm seines Sylvester- und Neujahrskonzerts gesetzt hat und sowohl in der wunderbar atmosphärischen Hebriden-Ouvertüre als auch in der "italienischen" Symphonie Nr. 4, A-Dur, seine intensive Beziehung auch zu diesem Komponisten deutlich machte. (Natürlich wäre ein solcher spekulativer Mendelssohn-Zyklus auch 2009 kein Fehler gewesen.)

Allein die dynamischen Abstufungen im ersten Satzes der Symphonie zu würdigen, ist schon eine zu umfängliche Aufgabe für eine Kritik. Es soll hier der Hinweis genügen, dass Thielemann und die Philharmoniker mit einem geradezu überbordenden Gestaltungswillen und einer bis ins kleinste Detail ausgefeilten klanglichen Differenzierung ans Werk gingen, um die klassizistische Heiterkeit und delikate Klanglichkeit in dieser Symphonie heraus zu stellen.
Auch wenn Thielemann die illustrativen Elemente der Hebriden-Ouvertüre mit aller dafür nötigen Plastizität akzentuierte und damit – wohl mit Bedacht – auch auf die Vorbildfunktion dieses Stücks für Wagners "Fliegenden Holländer" aufmerksam machte, so hielt er doch stets die klangliche Distanz zum Bayreuther Gesamtkunstwerker.

Der war vor Mendelssohn zu hören. Wagner, der selbsternannte Antipode Mendelssohns, der sich zwar bei dem älteren Genie gerne Anregungen holte, ihn später in seinen antisemitischen Tiraden dennoch übel verunglimpfte. Mendelssohn selbst musste das glücklicherweise nicht mehr erleben, er starb bereits 1847, da war Wagner erst 34 und noch "ganz normal".
Mit Arien und Orchesterstücken aus "Lohengrin", "Meistersinger" und "Walküre" setzte Thielemann auf eine bunte Mischung, wie sie dem Anlass dieses Jahresend- bzw. Neujahrskonzerts sicher gerecht wurde – wie sie aber auch für jeden Sänger heikle Hürden darstellt, will er mal schnell von der "Gralserzählung" zum "Wonnemond" hinüberwechseln, um dann das "Preislied" Walther von Stolzings zu schmettern. Nun konnte bei dem für Ben Heppner eingesprungenen Robert Dean Smith von schmettern leider ohnehin keine Rede sein. Der Bayreuth erprobte amerikanische Tenor wirkte an diesem Abend etwas angeschlagen und bot keine überzeugende Leistung.
Da blieb eigentlich nur, sich auf die Instrumentalteile zu konzentrieren, die denn auch – wie nicht anders zu erwarten – hinreißend gelangen:
Verschiedene Akt-Vorspiele aus "Lohengrin" und den "Meisteringern". Faszinierend, wie aus dem Vorspiel zum 3. Akt "Meistersinger" eine Art vielgestaltiger Mini-Bruckner-Symphonie in einem Satz wurde. Da war sie: his master’s voice von Anton Bruckner.
Robert Jungwirth

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