Muti und Gergiev in Wien

Konzertkritik: Muti und Gergiev in Wien

Farben glühen und Funken sprühen

Was Wien alles zu bieten hat: Zeitgleich dirigieren Riccardo Muti und Valery Gergiev Werke von Prokofieff und Skrjabin
Von Derek Weber
(Wien, 27. bis 29. Oktober 2014) Den ganzen Prokofieff gab es dieser Tage im Wiener Konzerthaus nicht zu hören, aber zumindest alle fünf Klavierkonzerte (mit vier verschiedenen Pianisten) und drei seiner Symphonien, gebündelt an zwei Abenden. Dazu in Konkurrenz im Musikverein Alexander Skrjabins in Wien nicht allzuoft gespieltes "Divine poème" als Teil einer Residenz des Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti.
Das neue Marathon-Projekt von Valery Gergiev mit seinem Mariinsky-Orchester: Was für ein Einsatz! Man mag ja über Gergievs politische Statements unterschiedlicher Meinung sein, aber musikalisch setzt er immer wieder neue Akzente. Lehrreich war das, so wie vor ein paar Jahren, als er in Wien einen Schostakowitsch-Zyklus innerhalb weniger Tage durchzog (und damals schon laut über Prokofieff nachdachte).
Prokofieff ist ja nicht gerade der Liebling der mitteleuropäischen Musikwelt. Den meisten gilt seine Musik als zu motorisch und mechanistisch auf der einen Seite und (bezogen auf die Werke nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion in den 1930er-Jahren) als zu parteikommunistisch-regressiv. Da tut es gut, wenn man den Blick ein wenig aufs Ganze richten darf. Die (Vor)-Urteile gegen den Komponisten gelten natürlich vor allem für die Symphonien, mit Ausnahme der Ersten, der klassischen, die allemal als Geniewurf durchgeht. Sie stand auch bei Gergiev auf den Programm. Aber wer kennt schon die Sechste, kurz nach dem Ende des großen "vaterländischen" Krieges entstanden? Da sind die schrecklichen Erfahrungen der Zeit auf den musikalischen Begriff gebracht und – wer weiß – nicht nur die kriegerischen, sondern auch die mit dem Regime des Stalinismus, das bald nach dem Krieg, in dem die Diktatur gelockert war, die Maske wieder vom Gesicht nahm.
Prokofieff zählte damals wie Schostakowitsch, Khatchaturian und andere zu den Gemaßregelten. Danach kam die Siebente Symphonie, Prokofieffs letzte, kurz vor seinem Tod – er starb am gleichen Tag wie Stalin – entstandene, an die jungen Leute, ja an die Kinder gerichtet. War das gefälliger Parteikommunismus in der Musik? Generell: War die Musik des in die Sowjetunion zurückgekehrten Komponisten nur ein Kuschen vor der Knute des "Sozialistischen Realismus"? War da nicht auch Einsicht dahinter und der Wunsch, verstanden zu werden? Hat nicht auch Schostakowitsch in seiner letzten Symphonie einen ganz entspannten Ton gefunden? Wandten sich nicht alle Komponisten – Schönberg inklusive – nach all dem Aufbruch und Experimentieren wieder zum Tonalen zurück, zur Melodie? Zu einem neuen, anderen Melos?
Was war Zwang, was Einsicht? Gerade bei Prokofjew hat man immer wieder das Gefühl, dass er an seine Grenzen stieß, dass es "so" nicht mehr weitergehen konnte. Und dass er das selber fühlte und nach Auswegen suchte. Wahrscheinlich muß einem das so drastisch uns kompakt vor Augen geführt werden, wie jetzt im Konzerthaus: Die Zeitspanne von 1911 (1. Klavierkonzert) bis 1932 (5. Konzert) im Zeitraffer – das ist in der Tat lehrreich, besonders dann, wenn vier Pianisten (Alexei Volodin, Deniz Kozhukhin, Bezod Abduraimov und Sergei Babayan) diese Werke spielen, als wäre die geforderte Virtuosität das Einfachste von der Welt. Wie abenteuerlich das sein kann, bewies allein schon das von Volodin gespielte, von dem im 1. Weltkrieg einarmig geschossenen Paul Wittgenstein bestellte vierte Konzert. So etwas hört man erst in aller Schärfe, wenn man es auch sehen kann.
Valery Gergiev, der Augenblicksmusiker, mag manches nicht mit letzter Präzision angehen. Aber sein Zugang strahlt eine authentische Frische aus, wie sie selten anzutreffen ist. Wie er seine enorme Konzerttätigkeit organisiert und mit seinen Pflichten als Chef eines Opern- und Konzerthauses koordiniert, bleibt sein Geheimnis. Aus dieser Rastlosigkeit entsteht jedenfalls eine Spannung, die sich geradewegs in Kreativität umsetzt.
… Und Alexander Skrjabins "Poéme Divine".
Riccardo Muti verkörpert dazu das schiere Gegenteil. In seinen Konzerten gibt´s wohl Kreativität, aber keine aus dem Augenblick geborene. Zumal wenn ein Orchester mit ihm unterwegs ist, wird alles lange geprobt. Die Einsätze "sitzen", die Akkorde sind genau ausgehört und austariert. Was bei Gergiev auf die lange Erfahrung des Zusammen-Spiels mit seinen Musikern zurückgeht, ist beim italienischen Maestro das Ergebnis aktueller intensiver Probenperioden. Das nimmt die Ecken ein wenig aus dem Spiel. Das Extreme ist Mutis Sache nicht. Auch im Vergleich mit Riccardo Chailly, der – wir berichteten darüber – vor kurzem im Musikverein zu Gast war und einen Mendelssohn-Abend (u.a. mit der "Hebriden"-Ouvertüre) gestaltete, klang "Meeresstille und glückliche Fahrt" als Einleitungsstück des Abends wesentlich weicher, runder, abgeklärter.
Das mag man mit dem Unterschied im Charakter der Stücke erklären, aber es lag auch am Dirigenten und dem phantastischen Chicago Symphony Orchestra, dessen Blechbläser eine Klangkultur haben, wie man sie kaum irgendwo findet und dessen Streicher so "europäisch" klingen, wie man sich das nur vorstellen kann. Das kommt natürlich Mutis Intentionen entgegen.
Wie sehr das Orchester davon geprägt ist, zeigte sich dann insbesondere bei Skrjabins "Göttlichem Poem", einem Werk, bei dem zwar die philosophischen Ingredienzien der Musik noch nicht so offen zutage treten wie im Spätwerk, die aber doch dem Stück ein quasi-religiöses Gepräge geben. Heilsbringend soll die Kunst sein, das ist die Botschaft. Das ganze Fin de Siécle war ja durchforstet von einer pseudoreligiösem Attitüde in der Kunst. Schwergewichtig ist das im Ausdruck und breit im Ausmalen. Skrjabins Poem ist lang und für den durchschnittlichen Hörer nicht ganz unanstrengend. Ein schlechterer Dirigent als Muti könnte darin die Übersicht verlieren und den Kosmos der Farben verblassen lassen oder – was genauso schlimm wäre – über-grell ausmalen. Bei Muti bleibt der dichte Klang stets samtig und gut durchgemischt. Bewundernswert, wie der Dirigent die heikle Balance ebenso wie den roten Faden nie aus den Augen verliert. Der spät-romantische Touch, der das Werk auszeichnet, das jeden Anflug von Dissonanz noch in rauschhaften Klang verwandelt, kommt Muti sehr entgegen. In manchen Passagen hätte man meinen können, Skrjabin sei ein halber Italiener gewesen, den es aufs Gebiet des Symphonischen verschlagen habe. Auf jeden Fall ist diese Musik noch meilenweit entfernt von jener des rund 20 Jahre jüngeren Prokofjew, in dessen Musik die Farben glühen und die Rhythmen Funken sprühen.
So gesehen waren die Tage zwischen dem 27. und 29. Oktober Ausdruck einer schönen traditionellen Wiener Arbeitsteilung: Muti dirigierte im Musikverein zudem zweimal das Verdi-Requiem, während Gergiev vorführte, wie Prokofjew abseits der auch im Westen wohlbekannten Werke zu klingen vermag. Auch die orchestralen Zugaben konnten sich hören lassen. Bei Muti gab´s das Vorspiel zu Verdis "Nabucco", bei Gergiev nicht minder effektvolle Passagen aus dem Ballett "Romeo und Julia", von den insgesamt fünf Piano-Encores ganz zu schweigen.

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