Musikfest Berlin

Kritik: Musikfest Berlin

Der eigenwillige Klassizist

Royal Danish Orchestra und Michael Boder Foto: Piero Chiussi

Das Musikfest Berlin feiert den 150. Geburtstag des dänischen Komponisten Carl Nielsen
Von Antje Rößler
(Berlin, September 2015) In Dänemark ist er allseits bekannt. Doch hierzulande hat sich der Komponist Carl Nielsen selbst 150 Jahre nach seiner Geburt nicht im Konzertleben durchgesetzt. Umso erfreulicher ist es, dass seine eigenwilligen, spannungsreichen Werke in diesem Jahr einen Schwerpunkt beim Musikfest Berlin bildeten. In diesem Rahmen erklangen vier seiner insgesamt sechs Sinfonien. Die geplante Aufführung der Nielsen-Streichquartette durch das Danish String Quartet musste leider abgesagt werden.
Im Foyer der Berliner Philharmonie stößt der Besucher auf die kleine Ausstellung „Carl Nielsen – Music is Life“. Eingerichtet vom Carl Nielsen Museum im dänischen Odense, zeichnet sie anhand von Fotos, Dokumenten, Zitaten und Musikbeispielen Leben und Werk Nielsens nach: die Kindheit auf der Ostsee-Insel Fünen, die Bildungsreise von Dresden über Leipzig nach Berlin, die Erfolge als Komponist und Dirigent, seine Affinität zum deutschen Musikleben. Die Musikbeispiele verfehlen allerdings ihren Zweck, da sie aus winzigen Lautsprechern plärren.
Ohnehin wird Nielsens eigene Handschrift erst im Konzertsaal deutlich – in der Gegenüberstellung mit Werken von Gustav Mahler, Alban Berg oder Arnold Schönberg, dem das Musikfest einen weiteren Schwerpunkt gewidmet hat.
Nielsens Dritte, seine erfolgreichste Sinfonie wurde vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter seinem Chef Marek Janowski aufgeführt. Die überschwängliche und oft fröhliche „Sinfonia espansiva“ weist Risse, Brüche und abgründigen Humor auf. Derartige Stellen wurden jedoch von Janowski elegant und mit professioneller Distanz umschifft. Geradezu überirdisch schön leuchtete jedoch die stehende Klangfläche im Andante, die an Wagners „Rheingold“-Vorspiel erinnert.
Nielsens Dritte wurde Gustav Mahlers „Adagio“ aus der Zehnten Sinfonie gegenüber gestellt, das in Janowskis Interpretation geradlinig, bodenständig und zu wenig hochgespannt klang. Anschließend war eine ausgedehnte Umbaupause erforderlich, um das gerade mal zwölfminütige „Lied der Waldtaube“ aus Schönbergs „Gurre-Liedern“ in seiner Kammerorchester-Version aufzuführen. Gegenüber der spätromantisch üppigen „Normalfassung“ sorgt die kleine Besetzung für impressionistisch anmutende Transparenz. Die Altistin Karen Cargill war hier mit tönendem Vollklang, aber auch einer etwas affektierten Darstellung zugange.
Die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle widmeten sich Nielsens Vierter Sinfonie und seiner sinfonischen Dichtung „Pan und Syrinx“. Die Fünfte Sinfonie brachte das Royal Danish Orchestra zur Aufführung, in dem Nielsen selbst viele Jahre unter den Zweiten Geigen spielte. Seine Sinfonien hat er speziell für dieses Ensemble geschrieben.
Hierzulande wurde die Fünfte, die 1920 unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstand, durch Furtwänglers Aufführung mit den Berliner Philharmonikern bekannt. Unter Michael Boder, dem Chefdirigenten des Royal Danish Orchestra, klingt das Werk licht und klar. Nielsens Vitalität und rhythmische Kraft kommen in seiner Interpretation deutlich zur Geltung.
Hinein in ein impressionistischen Flimmern und Wogen bohren sich allerlei Störfaktoren: ein Jaulen und Pfeifen im Blech, übermäßige Intervalle und schwellende Wechselnoten und Polyrhythmen. Ein penetranter Rhythmus der kleinen Trommel, die ihr eigenes Tempo spielt, gerät unter Michael Boders Leitung zum brutalen Marsch. Im Kopfsatz steigert er die nervöse Unruhe in einem anschwellenden Spannungsbogen zum Lärm-Schock.
Weniger manisch erschien das Fugato des zweiten Satzes, das Boder eher aus der sinfonischen Tradition des 19. Jahrhunderts heraus interpretierte; als Weiterentwicklung von Nielsens frühem, von Brahms beeinflussten Stil.
In ihrer klaren Form und den reduzierten Mitteln ist dies eine gänzlich andere Musik als jene Schönbergs aus dessen expressionistischer Phase. Ein gutes Jahrzehnt vor Nielsens Fünfter entstand Schönbergs Monodram „Erwartung“, ein imaginärer Dialog einer Frau mit ihrem getöteten Liebhaber. Die Mezzosopranistin Magdalena Anna Hofmann bot den höchst anspruchsvollen Sprechgesang technisch perfekt und bestens textverständlich dar. Darstellerisch griff sie jedoch auf langweiliges Repertoire zurück, so dass die irre Hysterie der Partie nicht so recht zur Geltung kam.
Das sanft pulsierende, fein ziselierte Orchesterstück „Iris“, das der dänische Komponisten Per Nørgård 1966 geschrieben hat, rundete den Konzertabend des Rundfunksinfonieorchesters ab.
Schließlich ließ das Mahler Chamber Orchestra zwei Werke, die um 1924 entstanden, aufeinander treffen: Alban Bergs Kammerkonzert sowie die Sechste und letzte Sinfonie Nielsens, die den Titel „Sinfonia semplice“ trägt.
Nielsens Musik hinterließ den Eindruck einer – im besten Sinne – kindlich anmutenden Kreativität. Derart unbedarft, ohne festen „Bauplan“ scheint Nielsen seine Einfälle und Ideen kombiniert zu haben. Zweifelsfrei war Nielsen ein Klassizist, doch komponierte er so modern und eigenständig, dass seine Musik unverwechselbar klingt.
Deutschlandradio Kultur überträgt das Konzert des Royal Danish Orchestra am 25. September um 20:03 Uhr; der Auftritt der Berliner Philharmoniker wird am 26.9. um 20:04 Uhr im rbb-Kulturradio gesendet und ist außerdem in der Digital Concert Hall (www.digitalconcerthall.com) zu sehen. Die Nielsen-Ausstellung in der Berliner Philharmonie läuft bis 9. Oktober.

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