Mü. Kammerorchester

Licht ins Dunkel

Jörg Widmann Foto: Schott Verlag

Das Münchner Kammerorchester mit Widmann, Boulez und Schönberg im Prinzregententheater
(München, 20. April 2007) Das Münchner Kammerorchester ist derzeit dem Thema „Licht“ verpflichtet. Wie aber beim jüngsten Konzert der Reihe im Prinzregententheater zu hören war, hat es auch mit dem Gegenteil, der Finsternis zu tun. Nachtmusiken standen auf dem Programm. Bis auf ein Notturno von Haydn und Schönbergs Verklärte Nacht stammten sie alle aus neuerer Zeit, von Pierre Boulez, Heinz Holliger und dem als Musiker mitwirkenden Komponisten Jörg Widmann. Das Münchner Kammerorchester spielte ohne (förmlichen) Dirigenten, unter der Leitung der Konzertmeisterin Muriel Cantoreggi, und es fand für alle Epochen einen spezifischen Ton.
Das Notturno von Haydn spielte das Orchester wie eine kleine Sinfonie. Von diesen Notturni gibt es mehrere. Sie sind weitgehend unbekannt, weil sie ursprünglich für ein kurioses Instrument mit dem Namen „Lira organizzata“ geschrieben waren, eine Art Drehleier. Haydn selbst instrumentierte die Stücke später um. Im Bläserpart war die ungewohnte Kombination von Klarinette und Flöte zu hören, dazu zwei Hörner. Das Orchester integrierte die Klänge sehr stimmig und versetzte die Zuhörer in die Lage, abseits der bekannten Sinfonien gleichsam einen „neuen“ Haydn zu entdecken.
Dieser Sinn für Balance im MKO kommt auch der zeitgenössischen Musik sehr zu Gute. Jörg Widmanns Komposition …umdüstert… für Kammerensemble (zwei Violinen, Cello und Kontrabass, Klavier, Schlagzeug und Bassklarinette) war wie ein Konzert anzuhören. Bewusst oder unbewusst hat Widmann der Klarinette eine gewisse Führungsrolle gegeben. Sie präsentiert melodisches Material, während die anderen Instrumente gewissermassen das Stimmungsumfeld schaffen. Nicht unter Verzicht auf Ausdruck. Wenn die erste Violine sich in höchster Lage wie in einem Schrei äußert und die große Trommel grollend dagegenhält dann weiß der Zuhörer, dass „umdüstert“ viele Schattierungen haben kann. Jörg Widmann war dann der Solist in Pierre Boulez’ Dialog des doppelten Schattens. Darin agiert die Klarinette im Dialog mit ihrer eigenen (auf Band aufgenommenen) Stimme. Ein zunächst reizvolles Spiel, den „Sequenze“ für Soloinstrumente von Luciano Berio ähnlich. Mit der Zeit ermüdet es den Zuhörer jedoch – vielleicht, weil Boulez eben doch kein solcher Kenner der Klarinette ist wie Jörg Widmann.
Nach einem kurzen Zwischenspiel für Kontrabass Solo in Heinz Holligers Unerlaubte Gedanken zu Hölderlins Tinian spielte das MKO Schönbergs Sextett Verklärte Nacht in Schönbergs eigener Fassung für Kammerorchester. Da gab es mehr Kammerorchester zu hören als Streichsextett: Muriel Cantoreggi und ihre Mitmusiker strichen mehr den schönen Klang, die Harmonie des Zusammenspiels und Gleichklangs heraus als die expressiven Linien der Sextett-Struktur. Man wollte das Stück gar nicht wieder erkennen – wo blieb das Aufwallen, die Annäherung und das Abstand halten, das dieser Nachzeichnung eines Ehebruchs mit Kindesfolge innewohnt? Gerade weil das MKO die verklärte Nacht so aufputzte, zeigte es, dass diese Musik zum Rührstück nicht taugt. Schönberg wollte mehr: analytische Einsicht. Die Orchesterfassung von seiner eigenen Hand leistet das auch, wenn sich das Kammerorchester wie ein großes Kammerensemble begreift, so, wie es etwa der Camerata Salzburg gelingt. Dennoch: Ein Abend, der zeigte, auf welch hohem Niveau das Münchner Kammerorchester arbeitet und wie wandlungsfähig es sich Musik unterschiedlichster Stile und Zeiten zu Eigen machen kann.
Laszlo Molnar

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