Mortier-Nachruf

Beweger der Künste

Gérard Mortier Foto: Jean-Christophe Marmara/ Opéra national de Paris

Zum Tod des Opernmanagers Gérard Mortier
Von Laszlo Molnar
(10. März 2014) Gerard Mortier ist tot. In der Nacht zum vergangenen Sonntag, dem 9. März 2014, erlag er in Brüssel im Alter von siebzig Jahren dem Bauchspeicheldrüsenkrebs, der erst im Sommer 2013 bei ihm diagnostiziert worden war. Die Nachricht bestürzt um so mehr, als man es gerade ihm, dem so unermüdlichen und immer vitalen Kämpfer für die Opernsache, es zugetraut hätte, auch mit der Krankheit fertig zu werden. So viel zarteren Naturen wie Jose Carreras und Claudio Abbado war es ja auch gelungen.
Mortier ist ein großer Verlust, als Opernmanager, als Mensch. Denn seine nachweisbaren Erfolge, über die in all den Nachrufen in den führenden Medien zu lesen ist, haben ihren Kern in seiner fundamental menschlichen Neugierde, Empathie und Leidenschaft gehabt. Gerard Mortier, der die Brüsseler Oper, die Salzburger Festspiele (1991-2001), die Ruhrtriennale (2001-2004), die Pariser Oper (2004-2009) und schließlich die Oper in Madrid leitete, machte Oper nicht, weil er gerne Operndirektor war. Er machte Oper, weil er durch und durch davon begeistert war und zutiefst an die Bedeutung dieser Kunstform für unsere Zeit, für unsere Gesellschaft glaubte.
Der am 25. November 1943 in Gent geborene Sohn eines Bäckermeisters studierte Jura und stürzte sich sofort in das Kunstmanagement. Er arbeitete beim Flandern Festival und in den künstlerischen Betriebsbüros der Opernhäuser in Frankfurt und Düsseldorf. Aber sein wacher Geist machte nicht beim Musiktheater halt. Er war ein in allen Gebieten der Kunst Beschlagener; es ließ sich mit ihm ebenso gut über über Literatur, die aktuellen Strömungen der Philosophie, über bildende Kunst und Film reden. Mortiers Feuer brannte für alle Künste und er liebte ihre radikalsten Vertreter. Als »Gesamtkunstwerk« in diesem Sinne war genau er der richtige Mann, um 1991, nach dem Tod Herbert von Karajans, die Salzburger Festspiele in die Zukunft zu führen. Denn auch diese Festspiele waren einmal als Ort aller Künste erdacht worden, als eine Stätte der Begegnung und der fruchtbaren Zusammenkunft. In der Wiederbelebung dieses Geistes gab er dem berühmtesten Kunstfestival der Welt ein neues, zeitgemäßes Gesicht.
Seine Arbeit in Salzburg, danach die inhaltliche »Erfindung« der Ruhrtriennale, waren Mortiers bedeutendste Leistungen. Getrieben von seiner Begeisterung und seinem großen, immer neu angereicherten Wissen, formte er das Verständnis von Salzburg neu. Er brachte Regisseure wie Peter Sellars, Herbert Wernicke, Karl-Ernst und Ursel Herrmann oder La Fura dels Baus an die Salzach und bereitete ihnen die Bühne. Er ließ Robert Lepage und Luc Perceval größtformatiges Theater machen und verschaffte dem Publikum auf der Pernerinsel in Hallein unvergessliche Erlebnisse – sowohl wegen der Länge der Stücke als auch der Fülle der Eindrücke. Mortier wollte, dass die Zuschauer nicht nur schauen, sondern dass sie verstehen, erleben und mitfühlen. Sie sollten das Theater und die Kunst als etwas erleben, dass sie jetzt und heute betrifft und aus dem sie Schlüsse für ihre reale Gegenwart ziehen können. Dass es dabei so zauberhaft, so poetisch zugehen konnte wie in Peter Sellars´ Inszenierung von Messiaens »St. François d’Assise« oder in Kaja Saariahos »L’amour de Loin« in Salzburg oder »Wolf« von Alain Platel bei der Ruhrtriennale zugehen konnte, das war nur ein weiteres Zeichen für Mortiers tiefen und unerschütterlichen Glauben an die Wirkung der Kunst.
Gerard Mortier war ein Mensch, der sich angreifbar machte. Im doppelten Sinn. Er scheute keine Mühe und kannte keine Müdigkeit, wenn es darum ging, sich vor Publikum zu stellen und seine Ideen und Pläne auf Deutsch, Englisch, Französisch oder Flämisch mit präzisen, treffenden Worten in druckreifer Prosa zu erläutern. Mortier war da, er suchte den Kontakt zu den Menschen, denen er die Kunst nahebringen wollte. Er stürzte sich in Dikussionsrunden und war Theoretiker, Anwalt, Visionär und Philosoph in einem. Er legte seine Ideen offen und erklärte sie ebenso glühend wie geduldig. Vom Glauben an ihr Gelingen ließ er sich nicht abbringen. Dafür musste er auch, manchmal teure, Niederlagen einstecken, wie etwa die mißglückte Inszenierung des Don Giovanni durch Patrice Chereau in Salzburg. Was ihn nicht kümmerte war, ob seine Ideen irgendwelchen Entscheidern gefallen würden oder nicht. Wenn es sein musste, ließ er sich auf handfesten Streit ein, etwa mit starrhalsigen Gastronomen in Salzburg, den über Jahrzehnte verwöhnten und weich in Salzburger Nockerlmasse gepackten Wiener Philharmonikern oder mit der Präsidentin der Salzburger Festspiele, die der damalige Schauspielchef Frank Baumbauer, wie er einer großen Tageszeitung offenbarte, am liebsten aus dem Fenster geworfen hätte.
Mortier war ein Garant geworden, dass in seiner Umgebung die Kunst, bei ihm repräsentiert durch das Musiktheater, nicht dekoratives Beiwerk eines kultiviert ausgestatteten Wohlstandsalltags blieb. Vor allem auf seiner letzten Station seiner Laufbahn, dem Teatro Real in Madrid, hatte er den Kampfesgeist und Biss wieder gewonnen, mit dem er Salzburg umgekrempelt hatte. In jener doch opernprovinziellen Lage war für ihn mehr zu erreichen gewesen als in seiner Sehnsuchtsstadt Paris, wo man sich quasi seit Jahrunderten schon ein sehr genaues Bild davon gemacht hatte, was in und mit der Oper passieren soll.
Das skandalöse Verhalten des Exekutivkomitees der Madrider Oper, Mortier nach Bekanntwerden seiner Erkrankung fristlos zu kündigen, war auch ein Zeichen, dass er wieder einmal einen Nerv getroffen hatte. Mortier war der Unruhegeist im Auftrag der Kunst. Er war stets der Meinung, dass Kunst bewegt. Diese Meinung hat er, im Sinn des Wortes, gelebt. Deshalb kommt sein Tod viel zu früh, viel zu jäh, viel zu unvorstellbar.

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