Mehul Bru Zane

Verkannter Wegbereiter

Foto: Belinda Lawley

In London wurde das Gedenkjahr zum 200. Todestag des französischen Frühromantikers Étienne-Nicolas Méhul mit einem hochkarätigen Konzert der Stiftung Bru Zane eingeläutet
Von Antje Rößler
(London, 10. Februar 2017) Abends leuchtet die würfelförmige Kirche St. John’s im Londoner Stadtteil Westminster wie eine Pralinenschachtel. Rosa und orange strahlt die Innenbeleuchtung aus dem barocken Kirchenschiff, das im Krieg bei einem Bombenangriff zerstört und dann zum Konzertsaal umgebaut wurde. Abendkasse, Garderobe und Restaurant befinden sich unterirdisch in der Krypta.
Am 10. Februar gab’s in St. John’s ein Konzert anlässlich des 200. Todestages von Étienne-Nicolas Méhul (1763-1817). Der französische Komponist hat zwar erst am 18. Oktober Geburtstag, doch der Palazzetto Bru Zane will das Jubiläumsjahr gebührend einläuten. Die in Venedig ansässige Stiftung, die sich um die französische Musik des 19. Jahrhunderts verdient macht, hat dazu das Orchestra of the Age of Enlightenment (OAE) eingeladen. Das Londoner Alte-Musik-Ensemble spielte unter dem britischen Dirigenten Jonathan Cohen.
Bei Méhul besteht fraglos eine Diskrepanz zwischen musikhistorischer Bedeutung und Bekanntheitsgrad. Unter Experten gilt er als einer der wichtigsten Komponisten der Revolutionszeit, als erster französischer Romantiker und Wegbereiter für Berlioz. Dem breiten Publikum ist hingegen allenfalls sein Name bekannt. Zum Auftakt der Londoner Méhul-Hommage bot das mit neun Blechbläsern ansehnlich besetzte OAE die Ouvertüre zu „Les Amazones“ – ein effektvoller, sinfonisch dimensionierter Aufmacher. Jonathan Cohen betonte mit seinen zackigen Bewegungen die fahrige Unruhe und die scharfen dynamischen Kontraste von Méhuls Musik.
Einige Opernarien Méhuls wurden von zwei amerikanischen Tenören dargeboten, dem heldentenoral aufgelegten Michael Spyres und dem lyrischer agierenden John Irvin. Letzterer sang eine Arie aus der Oper „Mélidore et Phrosine“, mit der Méhul 1794 seinen Durchbruch hatte. Jedoch beeinträchtigten die forcierte Kraftanstrengung und übermäßiges Vibrato Irvins Stimmschmelz. Klangschöner geriet eine Arie aus „Uthal“, Méhuls Vertonung des keltischen Ossian-Mythos. Mit lyrischer Anmut und intensivierten Dissonanzen brachte Irvin den Schmerz des einsamen Liebenden zur Geltung.
Die Melodie dieser Arie „Quoi! Je la cherche en vain“ ist geradezu zum Niederknien und zugleich der herben Instrumentation wegen über jeden Kitschverdacht erhaben. Im gesamten Einakter „Uthal“ lässt der Komponist die Geigen schweigen. Deren Rolle übernehmen die Bratschen, unterstützt von wehmütigen Holzbläsern, die den Hörer in schroffe schottische Phantasielandschaften entführen. Ein Effekt, der sich nur einstellt, wenn man wie das OAE die markanteren historischen Instrumente verwendet.
„Uthal“ veröffentlicht die Stiftung Bru Zane nun auch im Rahmen seiner edel aufgemachten Opernedition. In der Einspielung hört man das französische Alte-Musik-Ensemble Les Talens Lyriques, das mit weicherem Mischklang agiert als das kantig und schärfer anmutende EAO.
Dass sich Méhul als Opernkomponist nicht nachhaltig durchsetzte, liegt vor allem am Wandel des Geschmacks: Die leichtfüßige Opéra comique wurde unter der aufkommenden Woge der repräsentativen Grand opéra begraben. Bis heute sind Méhul und seine comique-Kollegen wie Grétry, Auber oder Boïeldieu kaum auf den Bühnen anzutreffen.
Als Verweis auf Méhuls schmales sinfonisches Schaffen führte das EAO den Kopfsatz der fünften Sinfonie auf, die aufgrund der fortschreitenden Tuberkulose des Komponisten ein Fragment blieb. Während das vehemente Dreiklangsthema an Beethoven erinnert, bringt der Satz mit seiner winzigen Durchführung in formaler Hinsicht nichts Neues.
Dem Konzertbesucher begegnet Méhul als Meister der Instrumentierung und melodischen Erfindungsgabe. Dramatische Effekte – seufzende Vorhalte, angespannte Synkopen oder hektische Läufe – setzt der Komponist jedoch häufig schematisch ein. Seine Operncharaktere wirken daher wenig plastisch. Das offenbarte sich in der Gegenüberstellung einer Méhul-Arie aus „Ariodant“ und Florestans Arie „Oh Gott, welch Dunkel hier“ aus Beethovens Fidelio. Das Setting ist ähnlich: Ein Verzweifelter wendet sich an Gott. Bei Méhul hört man jedoch einen Pappkameraden, der eine womöglich etwas zu schöne Melodie singt. Bei Beethoven hingegen einen Leidenden aus Fleisch und Blut.
Während das OAE bei Beethoven für wunderbar knackige und durchhörbare Bläserakkorde sorgt, fährt Michael Spyres mit seinem Willen zum Heldentenor jedoch am Ende seine Stimme fest.
Das Programm kombinierte Méhul mit Raritäten seiner Zeitgenossen. So erklang die anmutige Ouvertüre von Mozarts selten zu hörender Ballettmusik „Les petits riens“, die in Paris entstand. Weiterhin gab es Ouvertüren von Salieri und Kreutzer sowie Glucks wirbelden Furientanz aus „Orpheus und Euridyke“, dem der Dirigent Jonathan Cohen feinste dynamische Nuancen entlockte.
Letztendlich machte das umjubelte Konzert deutlich, dass die Musikgeschichte nicht einen Club von Genies, sondern einen Entwicklungszusammenhang darstellt. So sind Méhuls Werke, die anlässlich seines Jubiläums hoffentlich an Bekanntheit gewinnen, eine wichtige Etappe zwischen Glucks Opernreform und den Ausweitungen des Tonraums durch Berlioz.
Am 24. Februar 2017 veröffentlicht Bru Zane die Einspielung von Méhuls Kelten-Einakter „Uthal“ mit Les Talens Lyriques unter Leitung von Christophe Rousset.
www.bru-zane.com


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