Medea in Stuttgart

Das Floß der Medea

Peter Konwitschny inszeniert Cherubinis „Medea“ an der Staatsoper Stuttgart

Von Klaus Kalchschmid

(Stuttgart, 3. Dezember 2017) Unter den Vertonungen des Medea-Stoffes zählt die von Luigi Cherubini aus dem Jahr 1796 nicht zuletzt als Vorläufer von Beethovens „Fidelio“ sicher zu den berühmtesten. Leider schlägt sich das nicht in der Zahl der Aufführungen nieder, doch jetzt wagte Stuttgart sich an eine Produktion mit den gesprochenen Dialogen der französischen Originalfassung in neuer deutscher Übersetzung. Und Peter Konwitschny versucht sich an einer gesellschaftskritischen Interpretation, die Medea nicht nur als Täterin, sondern auch als Opfer zeigt.

Aber warum nur haust Jasons neue Gattin Kreusa (Josefin Feiler, der man leider die einzige Arie gestrichen hat) mit ihren Freundinnen und Brautjungfern in einer weiß gekachelten, schmutzigen Küche mit Herd und Waschmaschine, die auch eine alte Garage mit allerlei alten Lackdosen in den Regalen sein könnte und über Eck in den Orchestergraben ragt? Zum dritten Akt sind die Wände bis auf die immer noch funktionsfähige Tür weggesprengt und man sieht das Meer aus Plastikmüll, das vorher nur zu ahnen war, in seiner ganzen bedrohlichen Scheußlichkeit (Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker). Als Floß in der Ägäis sei das zu verstehen, erklärt Regisseur Peter Konwitschny im Programmheft, doch die Szene selbst erklärt das nicht.

Johannes Rempp und Justus Laukemann (Zwei Söhne von Medea und Iason), Helene Schneiderman (Neris), Cornelia Ptassek (Medea)
Foto: Thomas Aurin

Der späte Auftritt Medeas erfolgt als Ende eines Running Gags: Immer wieder hatte es in die Pausen des Chores hineingeklingelt und ein weiteres, gleich neugierig aufgerissenes (Hochzeits-)Geschenk stand vor der Tür. Nun erscheint als der ultimative Partyschreck die Hexe, Zauberin, Mörderin zum Vorteil Jasons, verflossene Geliebte und Immer-noch-Gattin des Bräutigams. Mit ihren wilden roten Haaren und zerrissenen schwarzen Netzstrümpfen unter dem schwarzen Mantel scheint sie gleich mehrere starke Frauen der Kunstgeschichte zu zitieren, bleibt leider trotz aller Attacke und Intensität Cornelia Ptasseks in den zahlreichen expressiv gemeisterten Arien ein solches Zitat. Schuld daran tragen nicht zuletzt die gutgemeinten, aber leider meist gestelzt und selten packend dargebotenen Dialoge in der Neuübersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Ihnen fehlen Tempo, Timing und die Differenziertheit, mit der gelernte Schauspieler gesprochene Sprache lebendig machen und mit dramatischer Spannung aufladen können.

Grandios jedoch gelingt es Konwitschny mit dem prägnanten, aber immer noch lyrischen Tenor Sebastian Kohlhepp und Cornelia Ptassek das erneut aufflammende körperliche Begehren zu inszenieren. Ende des zweiten Akts zeigt Jason da endlich Mitleid mit der Trauer einer Mutter, während Medea dieses vielleicht nur erfolgreich heuchelt. Dagegen verblassen alle irgendwie gesellschaftskritisch und komisch gemeinten (Chor-)Szenen, in denen jeder einschließlich der als Witzfigur gezeichnete Korinther-König Kreon (Shigeo Ishino) immer irgendwie beschwipst sein und in unterschiedlichen Graden der Alkoholisierung in grellen Farben über die Bühne torkeln muss. Durchaus raffiniert komisch freilich erscheint es, wenn der Männerchor gerade mal für Momente durch die Tür singen darf, bevor sie wieder zugeschlagen wird, auch das ein mehrfach wiederholter Running Gag.

Medeas Söhne (in der Premiere Johannes Rempp und Justus Laukemann vom Knabenchor Collegium Juventum Stuttgart) sind hier immer wieder auf der Bühne präsent und dürfen zu Beginn sogar zu zweit eine kleine Chorpassage singen. Sie helfen Medea am Ende sich zu verbarrikadieren und spielen mit ihr Indianer, ohne jedoch zu merken, dass an einen imaginierten Marterpfahl mit verbundenen Augen gefesselt zu werden ihre Ermordung vorbereitet und verbrämt. Die sieht freilich am Ende immer noch aus wie ein Spiel, ebenso das Finale, wenn am Ende der Mob gleich alle Fremden wie im rächenden Blutrausch dutzendfach niedersticht: Neben Medea und ihrer Dienerin Neris (mit gewohnter Bühnenpräsenz, singend und spielend immer noch verblüffend beweglich: Helene Schneiderman) trifft es auch Jason.

Dirigent Alejo Pérez lässt mit dem Staatsorchester Stuttgart die musikalischen Wellen schon in der groß angelegten Ouvertüre und in der Gewittermusik zu Beginn des dritten Akts hoch schlagen. Er vermag aber auch während des ganzen Abends die Spannung zu halten und Cherubinis oftmals raffinierte Begleitfiguren – etwa in den Streichern – lebendig auszuformen. Wieder einmal wird der Stuttgarter Staatsopernchor seinem exzellenten Ruf in jeder Hinsicht gerecht und sorgt gleichermaßen dafür, dass das musikalische Niveau aufregender und schlüssiger ist als das szenische.

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