Matthus Lamento

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Leid der frühen Jahre

Siegfried Matthus Bild: Münchner Philharmoniker

„Lamento“ von Siegfried Matthus von den Münchner Philharmonikern unter Christian Thielemann uraufgeführt
(München, 4. Mai 2007) Gibt es eigentlich autobiographische Musik? Gewiss verfügt beinahe jedes Kunstwerk über autobiographische Anteile. Selbst jene Werke, für die ihre Schöpfer alles Autobiographische weit von sich weisen, sind – eben gerade deshalb – autobiographisch motiviert. Aber kann man sein eigenes Leben mit Musik erzählen?
Siegfried Matthus hat es jedenfalls versucht. In seinem „Lamento“ für großes Orchester und Sopran hat er seine Kindheitserinnerungen an Krieg und Vertreibung aufgearbeitet. Spät, aber heftig. Der Schmerz sitzt tief und wirkt nach, bis heute. Als Zehnjähriger musste der heute 73Jährige mit seiner Familie aus seinem Geburtsort Mallenuppen in Ostpreußen vor den anrückenden Sowjets fliehen. Die sechsköpfige Familie inklusive der schwerkranken Großmutter verlor sich aus den Augen. Hunger, Krankheit, Verlorenheit, für jeden sich das grauenvolle Erfahrungen. Für ein Kind werden sie traumatisch, auch wenn es für Matthus‘ Familie ein glückliches Wiedersehen gab.
Christian Thielemann riet dem befreundeten Komponisten, aus diesen Erfahrungen ein Musikstück zu machen, nachdem Matthus ihm gegenüber einmal bedauert hatte, keine Zeit dafür zu haben, seine Erinnerungen aufzuschreiben: „Dann komponieren Sie es doch“, antwortete ihm der forsche Pultmeister. Matthus tat wie ihm geraten, und Thielemann hob die „Musikalischen Erinnerungen für grosses Orchester und Sopransolo“ „Lamento“ als Auftragswerk der Münchner Philharmoniker jetzt in München aus der Taufe.
Schmerz und Trauer sind die vorherrschenden Gefühle, die in dieser etwa 40 minütigen Komposition hörbar werden. Wobei das große Orchester häufig ist kleinen Einheiten von einigen wenigen Instrumenten aufgeteilt ist. Zu Beginn sind es die Celli, die einen klagenden Gesang in eigentümlicher Zartheit und Zerbrechlichkeit anstimmen. Vor allem Sekundreibungen, aus dem Barock bekannte Seufzer-Motivik, sind für den Charakter des Stücks zentral. Kammermusikalisch ist auch der zweite, mit „Kindheit“ überschriebene Satz gehalten: Matthus kontrastiert einen spielerischen Gestus der Flöten und Fagotte (unbeschwerte Kindheit) mit Trauer verhangenen Vokalisen des Soprans (Hyun-Ju Park), die das Stück immer wieder durchziehen. „Krieg, Kälte, Katastrophe“ sind die folgenden Sätze überschrieben. Plastisch-plakative Klangformeln sollen deutlich machen, was sich an persönlicher Erfahrung hinter diesen Überschriften verbirgt. Genau das wird der Komposition allerdings, je länger man sie hört, zum Problem. Das Unmittelbare ist unter künstlerischen Gesichtspunkten nicht unbedingt das beste. Matthus gelingt es nicht, von der eigenen Betroffenheit zu abstrahieren. Die Musik besteht weitgehend aus heterogenen Einzelteilen. Die Klammer, die die Ecksätze Lamento I und Lamento II bilden sollen, bleibt ein allzu äußerlicher Rahmen. Dem „stürmisch bewegten Tosen“ der „Katastrophe“ – wie es das Programmheft formuliert – fehlt doch die „tönend bewegte Form“ um zu einem tieferen künstlerischen Ausdruck zu gelangen. Vermutlich fehlte dem Autor dafür auch schlichtweg der Abstand zum eigenen Schicksal.
Trotz der sehr konzentrierten und tief nachempfindenden Wiedergabe durch die Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann blieb der Eindruck zwiespältig.
Zu Beginn gab es Beethoven: Radu Lupu spielte das dritte Klavierkonzert als wär’s von Chopin und sah dabei aus wie Brahms: mit dem Oberkörper weit zurückgelehnt bis zur Rückenlehne (!), den Kopf leicht in den Nacken geworfen. So klang dieser Beethoven denn auch arg romantisierend bei aller vorhandenen poetischen Empfindsamkeit. Manches, vor allem im langsamen Satz war beseelt, aber eben nicht sprechend. Das finale Rondo spielte Lupu weniger spritzig, brillant als gemütlich, verharmlosend, vom Orchester breit und wuchtig sekundiert.
Robert Jungwirth

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