Mathis der Maler, Theater an der Wien

Selbstfindung in Zeiten des Krieges

Wolfgang Koch als Mathis Foto: Werner Kmetitsch

Paul Hindemiths "Mathis der Maler" im Theater an der Wien
(Wien, 12. Dezember 2012) Es kann sich ziehen, bis Mathis, der Schöpfer des Isenheimer Altars, am Ende zu sich selber kommt. Das macht schon Paul Hindemith dem Zuschauer und –hörer nicht leicht. Fast vier Stunden dauert die Oper, die dramatisch beginnt und gegen Ende – trotz aller apokalyptischen Versuchungen – in ruhigere Bahnen gerät. Am Schluß freilich, wenn Matthias Grünewald sich von der Welt und ihren Dingen abwendet – findet sie zu einem visionär-hellen Klang von schwebend-leichter Kraft.
Das visuell nachvollziehbar zu machen, schafft die Wiener Inszenierung nur in Maßen. Der Regisseur (Keith Warner) und sein Bühnenbildner (Johan Engels) stellen das Schwergewichtige, Klobige ins Zentrum. Expressionismus, gemischt mit einer gehörigen Portion Realismus – das bietet sich natürlich dem ersten Anschein nach bei einer Oper über einen spätmittelalterlichen Künstler an. Auch wenn Hindemiths Musik, die sich einer bewußt antiquierenden und auf die alte deutsche Volksmusik Bezug nehmenden musikalischen Sprache bedient, das Espressive eher sparsam bedient und über weite Strecken das sozusagen Holzschnittartige hervorkehrt.
Der Künstler gerät zwischen die Fronten gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Das war in den dreißiger Jahren auch Hindemiths eigenes Thema, an dem er sich im "Mathis" abarbeitete.
Hindemiths Oper hat alles, was ein Meisterwerk auszeichnet: Packende Chorszenen mit Anspielungen auf jene protestantischen Lieder, die in Grünewalds Zeit entstanden, dramatische Auftritte und Aufeinandertreffen der Protagonisten, intime Überhöhung. Und doch: So wirklich heimisch geworden ist "Mathis der Maler" – 1938 in seiner Exilstadt Zürich uraufgeführt und voll von Anspielungen an die damaligen deutschen Verhältnisse – an den deutschsprachigen Bühnen nie. In Wien mußte man jetzt an die 50 Jahre warten, ehe die Oper ans Theater an der Wien zurückkehren durfte.
In dessen Inszenierung steht freilich das Allzu-Klobige in Gestalt einer überdimensionalen Christus-Figur im Vordergrund, dominiert die Bühne, beengt und prägt sie. Und der Regisseur, er setzt – besonders am Anfang – aufs Drastische, Plakative, trotz aller Hektik Statische, wenig Differenzierte, gewinnt erst im Lauf des Abends freieren Atem. Die Szene mit der Versuchung des Heiligen Antonius freilich, die der Maler nacherlebt, lehnte sich ziemlich eng an die Phantasie eines Hieronymus Bosch an.
Wolfgang Koch, der nächste Bayreuther Wotan, gab einen virilen, robusten Mathis, der ein Ensemble von geforderten Solisten anführt. Leicht zu besetzen ist Hindemiths Oper ja nicht. Sie verlangt ein breites Ensemble erlesener Sänger und einen hochpräsenten, kein Sich-Exponieren scheuenden Chor. (In Wien war das der Slowakische Philharmonische Chor aus Bratislava.) Manuela Uhl als Mathis zugetane Ursula, Katerina Tretyakova als Tochter des Bauernführers Schwalb und Kurt Streit als Erzbischof Albrecht von Brandenburg schlugen sich tapfer (wenn auch nicht ohne stimmliche Zuschärfungen). Raymond Very (Hans Schwalb) und Franz Grundheber (als Riedinger) meisterten ihre Partien souverän. Auch andere kleinere (aber nicht unwichtige) Rollen waren gut besetzt.
Bertrand de Billy bewies am Pult der Wiener Symphoniker einmal mehr seine sichere Hand für die Musik der klassischen Moderne.
Derek Weber

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