Luisi Münchner Philharmoniker

Aufwühlend heterogen

Foto: Andrea Huber

Fabios Luisi dirigiert Mahlers Neunte bei den Münchner Philharmonikern und kombiniert sie sinnreich mit Webern

Von Robert Jungwirth
(München, 4. März 2017) Es gibt das schöne Bonmot von Wien als der Versuchsanstalt für den Weltuntergang. Es entstand vielleicht auch deshalb, weil in dieser Künstlerstadt, die Wien zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war, von vielen Künstlern seismographische Ausschläge des nahenden Unglücks des Ersten Weltkriegs verzeichnet wurden. Gustav Mahlers Werke stehen geradezu paradigmatisch für dieses seismographische Gespür. Und in seiner letzten Symphonie ist es nicht nur eine Welt, die vor verheerenden Umstürzen steht, die zum Thema wird, sondern auch noch der Untergang des eigenen Künstler-Ichs. Von jeher von Todesgedanken verfolgt, spürt Mahler in seiner letzten Symphonie sein eigenes Ende nahn, das ihn ein Jahr nach Vollendung der Symphonie tatsächlich ereilen sollte. Insofern verbietet es sich wohl, in diesem Werk Larmoyanz zu hören, die dem Komponisten ja immer wieder vorgeworfen wurde und wird.
Nicht ein Untergang wird hier thematisiert, sondern deren gleich mehrere. Neben dem eigenen persönlichen auch noch der des Habsburger Reichs, der Monarchie und auch die Musiktradition der Wiener Klassik mit der dominierenden Gattung der Symphonie erreicht mit Mahlers Neunter ihren Höhe- und Endpunkt. Was für ein Abschiedswerk also! Kein Wunder, dass Fabio Luisi vor dem Beginn des geradezu ins Jenseitige entführenden letzten Satzes dieses Werks eine längere Zäsur machte, als wolle er sagen: Was jetzt kommt, ist nicht mehr von dieser Welt. Doch ganz so jenseitig hat der Italiener den Schluss von Mahlers Neunter dann doch nicht dirigiert – jedenfalls nicht so jenseitig wie Leonard Bernstein, bei dessen Interpretation vor vielen Jahren im Münchner Kongreßsaal des Dt. Museums, bei der man den Eindruck hatte, tatsächlich dem Ableben eines Menschen beizuwohnen…
Luisi interessiert sich noch mehr für das Elegische, die Beschwörung der Schönheit, die dieser Symphonie ebenfalls zu eigen ist – vor allem im ersten und im letzten Satz. Unterstützt wurde Luisi dabei von den enorm sonor und innig aufspielenden Musikern der Münchner Philharmoniker. Die Streicher, der Konzertmeister, der Solohornist und der Englischhornist sind dabei besonders hervorzuheben. Aber Luisi auf die Fülle des Wohllauts zu reduzieren, wäre ein grober Fehler. Was Luisis Interpretation darüber hinaus besonders macht, war die Nähe zu den zeitgleich entstandenen Sechs Orchesterstücken von Anton Webern, die Luisi der Symphonie sinnigerweise vorangestellt hat. Was für spannende Bezüge und Gegensätze werden da deutlich! Während Mahler mit knapp 90 Minuten auch zeitlich das Extrem sucht, geht Webern in eine völlig andere Richtung, die der Verknappung. Etwa 12 Minuten braucht er für seine sechs Orchesterminiaturen, deren erste wie das Konzentrat einer ganzen Mahler-Symphonie klingt. Auf der anderen Seite gibt es auch bei Mahler etliche Momente der Reduktion und klanglichen Konzentration. Und schließlich ließ Luisi den ersten Satz der Mahler-Symphonie so aufwühlend heterogen und Webern-nah klingen, dass man hier ebenfalls „Luft von anderen Planeten“ atmete…um mit Arnold Schönberg zu sprechen. So gesehen und musiziert, wirkt auch der späte Mahler nicht anachronistisch…Auch diese Lesart wurde übrigens brillant von den Philharmonikern umgesetzt.



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