Liederabend von Mark Padmore

Klima des Aufrührerischen

Liederabend von Mark Padmore und Andrew West in Köln

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 10. Januar 2018) Der Liederabend in der Kölner Philharmonie mit Camilla Nylund und Helmut Deutsch ist noch gut in Erinnerung, er berührte durch den Wohllaut von Musik und Interpretation. Dies stand bei Mark Padmore nur bedingt zu erwarten, seine helle, intellektuell wirkende Tenorstimme geht andere Wege, bietet andere Wirkungen. Gleichwohl gehört Franz Schubert zu einem Repertoireschwerpunkt des Sängers. Das war (und ist) auch der Fall bei anderen englischen Tenören wie Peter Pears oder Ian Bostridge, bei welchen ebenfalls – trotz aller Verehrung für künstlerische Höhenflüge – das Timbre durchaus unterschiedlich goutiert wird.

Vor kurzem ist die neue „Winterreise“ mit Padmore (2016) erschienen, nicht mit Klavier wie 2006 (Paul Lewis), sondern mit Hammerflügel (Kristian Bezuidenhout), der für einen zwar ungewohnten, aber höchst stupenden, teilweise sogar verstörenden Klanghintergrund sorgt. Die damit verbundene Intensivierung des Schauerlichen überträgt sich auch auf Padmores Stimme. Ein kluger Sänger, welcher solch wagemutige Entscheidungen trifft.

Auch der Kölner Abend von Mark Padmore war einem anspruchsvollen Konzept unterworfen: Blick zurück in die Antike, sozusagen „das Land der Griechen mit der Seele suchend“. Gefunden wird freilich kein bloß lichtvolles Arkadien, sondern ein Reich, in welchem Krieg an der Tagesordnung ist, wodurch privates Glück zerstört wird. Eine ähnliche Situation zermürbte auch das Metternich-Zeitalter, Schubert gehörte mit zu den Leidtragenden. Eigentlich erstaunlich, dass Padmore den gottliebenden Ganymed nicht mit dem trotzigen Prometheus konfrontierte. Seine Stimme hätte, wie der zugegebene „Atlas“ zeigte, das Klima des Aufrührerischen durchaus treffen können.

Dominierend bei Padmore ist indes mehr ein Ausdruck des keimfrei Ätherischen. Viele Passagen gelangen sehr empfunden und dynamisch differenziert (etwa der Schluss von „Die Götter Griechenlands“), aber Ganymeds Verlangen, seinem Gott im Olymp nahe zu sein, wirkte gänzlich unerotisch. Einige Textmanierismen und Intonationsgefährdungen Padmores waren den Interpretationen auch nicht zuträglich. Wie belebend und tiefenwirkend hingegen das feingetönte, ausdrucksvolle Spiel des Pianisten Andrew West.

Auch Benjamin Brittens Hölderlin-Fragmente von 1958 streifen griechische Gefilde. Der sechsteilige Zyklus ist in originalem Deutsch vertont, was nicht zuletzt wegen der damals verbreiteten antideutschen Ressentiments durchaus ungewöhnlich war. Aber der Mäzen Ludwig Prinz von Hessen und seine Frau dürften auf diese Entscheidung Einfluss genommen haben. Die Musiksprache des Komponisten liegt Mark Padmore gut in der Kehle, was auch für Harrison Birtwistles „Songs from the same Earth“ von 2012/13 gilt, wenn der Eindruck bei dieser Erstbegegnung nicht trügt. Intellektuell hochgestimmte Texte (David Harsent), erklügelt wirkende, ziemlich spröde Musik. Bei den Interpreten spürte man freilich Engagement und künstlerischen Ernst.

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