Lang Lang mit Concertgebouw

Nervenkitzelnd

Lang Lang Photo: © Detlev Schneider / DG

Lang Lang mit dem Concertgebouw Orchestra unter Daniel Harding zu Gast in Köln

(Köln, 5. Oktober 2011) Auch seriös aufgemachte Kurzbiografien (wie jetzt im Programmheft der Kölner Philharmonie) unterschlagen im Falle des chinesischen Pianisten Lang Lang nicht, bei welchen Sport-Großveranstaltungen der bubengesichtige Künstler auftrat, vor welchen Staatsoberhäuptern er seine Virtuosenfinger über die Tasten fliegen ließ. Aber Lang Lang unterzieht sich daneben auch der Anstrengung von Uraufführungen, engagiert sich in Ehrenämtern und hat sogar schon eine Autobiografie verfasst ("Journey of a Thousand Miles"). Nicht jeder mag Geschmack für den seine Karriere begleitenden Medienwirbel aufbringen, aber selbst zurückhaltende Künstler kommen zumindest um eine Signierstunde längst nicht mehr herum.

Das alles wurde sekundär, als Lang Lang vor dem Königlichen Concertgebouworchester Platz genommen hatte, um unter Daniel Harding jene beiden Werke zu spielen, mit denen er vor gut einem Monat bei der "Last Night of the Proms" in der Londoner Royal Albert Hall brilliert hatte: Frédéric Chopins "Grande Polonaise brillante" opus 22 und das erste Klavierkonzert Es-Dur von Franz Liszt. Dass der diesjährige Jubilar innovative Inspiration mit Virtuosentum reibungslos zu verbinden versteht, macht nicht zuletzt dieses Werk deutlich. Solcher Verbindung sollte man sich eingedenk sein, wenn man sich Liszt zu bewerten anschickt, was hier und da mit einer gewissen Abschätzigkeit geschieht (da wäre auf Alfred Brendel zu hören). Das Es-Dur-Konzert ist bei allem pianistischen Funkeln, bei aller Klangverliebtheit ein auch formal fesselndes Werk, mit seiner Pausenlosigkeit oder auch seinen den melodischen Fluss immer wieder unterbrechenden rezitativischen Einschüben. Und kann man den finalen Einsatz der Triangel anders als herrlich kokett empfinden? Wie Daniel Harding mit dem wahrhaft fulminanten Amsterdamer Orchester die Anfangsakkorde messerscharf in den Raum stellte, ließ sogleich eine bedeutende Interpretation ahnen. Lang Lang bestätigte sie seinerseits mit muskulösem Oktavendonner, aber fast noch stärker mit den vielen subtilen Diskantgirlanden oder den wie aus dem Augenblick geborenen meditativen Abschweifungen. Die Arpeggien gerieten zu rauschhaften "Jeux d’eau", ein hervorstechender Triller zu einem kleinen Wunder. Geradezu nervenkitzelnd wirkte die  Rubato-Übereinstimmung zwischen Solist, Dirigent und Orchester, soghaft der melodische Enthusiasmus. Eine reizvolle Mischung aus Kontemplation und Animation bestimmte auch die bezwingende Widergabe von Chopins Frühwerk.

Ebenfalls mit starker dynamischer Energie entwickelte Daniel Harding danach seine Lesart von Ludwig van Beethovens 3. Sinfonie, der "Eroica". Der smarte Engländer ging  nicht so weit wie der temposchnellere Paavo Järvi mit der Bremer Kammerphilharmonie, wie beim vorjährigen Bonner Beethoven-Fest erlebt (kompletter Zyklus). Aber er ließ bei aller Berücksichtigung heroischer Momente entschieden nerviger und schlanker spielen als etwa Daniel Barenboim bei seinem die Kölner Saison eröffnenden Auftritt mit dem East-Western Divan Orchestra (auch hier sämtliche Sinfonien). Die von den Amsterdamern zugegebene "Prometheus"-Ouvertüre korrespondierte sinnig zum musikalischen Material des "Eroica"-Finalsatzes.

Christoph Zimmermann

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.