La Boheme Genf

Puccinis zeitlos gültige Botschaften

Nino Machaidze (Mimì), Dmytro Popov (Rodolfo), Nino Machaidze (Mimì) und Andrè Schuen (Marcello) Foto: GTG / Carole Parodi

Matthias Hartmann inszeniert im Genfer Opernhaus-Provisorium „La Bohème“
Von Oliver Schneider
(Genf, 21. Dezember 2016) In der Theaterwelt ist Matthias Hartmann, heute Kreativdirektor beim österreichischen Privatfernsehen Servus TV, seit seinem Abgang am Wiener Burgtheater kaum mehr präsent. Neue Wege schlug er zuletzt mit einer Koproduktion von Schillers „Räubern“ durch das Salzburger Landestheater und seinem neuen Arbeitgeber ein. Doch Hartmann hatte vor den Problemen an der Burg (die ihn bekanntermaßen zum Rücktritt zwangen) auch angefangen, an ausgewählten Häusern Oper zu inszenieren. An der Wiener Staatsoper brachte er mit Erfolg „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dimitri Schostakowitsch heraus, im Frühsommer 2015 Beethovens „Fidelio“ am Genfer Grand Théâtre.
Eineinhalb Jahre später inszeniert er wiederum in der Rhone-Stadt. Dieses Mal Giacomo Puccinis Klassiker „La Bohème“. Nachdenklicher, bescheidener, vielleicht auch ein Spur geläuterter wirkte er, als er sich am Mittwochabend vor dem für Genf typischen, international durchmischten und zurückhaltenden Publikum verneigte. Understatement kommt dort gut an, und der für Genf recht üppige Applaus zeigt, dass seine Regiearbeiten immer noch geschätzt werden.
Puccini und seine Librettisten haben auf der Basis ihrer eigenen Mailänder Erfahrungen in „La Bohème“ Illusionen des Pariser Künstlerlebens im 19. Jahrhundert porträtiert. Hartmann und sein Regieteam (Bühne: Raimund Orfeo Voigt, Kostüme: Tina Kloempken, Licht: Tamás Bányai) verlegen die Handlung in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber die zentralen Fragen der Menschheit sind zeitlos und unabhängig von der szenischen Verpackung, genau wie die Nöte und Freuden, Schmerzen und Hoffnungen der Protagonisten.
Die Bühne ist einfach und zweckmäßig. Verschiebbare blau-graue Wände stecken die Handlungsorte ab. Die Mansarde der vier Künstlerfreunde ist ein spartanischer Raum mit einem projizierten Fenster, einem Eisenofen und einem Tisch. Für die Szene vor dem Café Momus weichen die Wände einem mehrstöckigen Gerüst, auf dessen drei Etagen sich das Kaffeehaustreiben wunderbar zeigen lässt. Von oben am Gerüst herabhängende Lichterketten deuten den Zeitpunkt der Handlung an: Heilig Abend.
Zu erwähnen ist aber auch, dass das Grand Théâtre seit letztem Februar in einem Ausweichquartier mit beschränkter Bühnentechnik beheimatet ist. Das Stammhaus wird einer umfassenden Renovation unterzogen. Aber immerhin kann man sich während der Interimsphase in Genf einen gewissen Luxus leisten und ein von der Pariser Comédie Française genutztes Holztheater aus deren Umbauzeit erwerben, für das Musiktheater adaptieren und im UNO-Viertel aufstellen.
„La Bohème“ spricht in erster Linie über die Gefühlsebene an. Vor allem im dritten und vierten Akt gelingt es Hartmann, die Protagonisten zu Menschen aus Fleisch und Blut zu machen. Dabei ist seine Personenführung ganz aus der Musik heraus entwickelt. Handwerklich perfekt erzählt wie es im Libretto steht und damit passend für den Vorweihnachtsklassiker.
Musikalisch hat der Abend einen durchwachseneren Eindruck hinterlassen. Sowohl die sentimentalen als auch die buffonesken Elemente der Partitur sind bei Paolo Arrivabeni zwar gut aufgehoben. In den ersten beiden Akten würde dem Dirigat allerdings etwas mehr Feuer und Klangdelikatesse gut tun. Auch die Musikerinnen und Musiker sind erst nach der Pause richtig bei der Sache. Mit Nino Machaidzes Mimi leidet man von Anfang an mit, vor allem die Sterbeszene gestaltet sie ungemein wirklichkeitsnah. Stimmlich muss man allerdings wegen ihres starken Vibratos gewisse Abstriche in Kauf nehmen. Gerade umgekehrt ist es bei Dmytro Popov, der mit dem Glanz, der Leuchtkraft und der Impulsivität seines gesunden und schmelzreichen Tenors überzeugt, aber sein darstellerisches Potenzial noch zu wenig nutzt.
Aus dem bühnenwirksamen Künstlerquartett ragt auch der junge Südtiroler Andrè Schuen als viriler Marcello heraus. Schaunard (Michel de Souza) wirkt in seinem hellroten Anzug in Altrosa wie der Exzentriker unter den vier Freunden. Ein zum Cape umgearbeiteter Teppich ist aber wohl eher der materiellen Not geschuldet. Grigory Shkarupa als Colline darf schließlich mit seiner Mantelarie sonore Weisheit verströmen. In der Rolle der kapriziösen Musetta reüssiert Julia Novikova mit verführerischem Charme sowie virtuoser Brillanz im zweiten Akt und als gereifte, vom Schicksal Mimis ergriffen mitleidende Frau.  
Weitere Vorstellungen:
Bis 5. Jänner 2017 in alternierender Besetzung. Mehr Informationen und Karten: www.geneveopera.ch, billetterie@geneveopera.ch, Tel. +41 22 322 50 50


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