Kritik: Walküre Genf Dorn Metzmacher

Premierenkritik Metzmacher dirigiert Walküre in Genf: Unbedingte Wagner-Treue

Tom Fox (Wotan) und Petra Lang (Brünnhilde) Foto: GTG/Carole Parodi

"Die Walküre" in einer Neuinszenierung von Dieter Dorn, Jürgen Rose und Ingo Metzmacher in Genf
Von Klaus Kalchschmid
(Genf, 7. November 2013) "Auf nach Genf!", müsste man allen Wagnerianer zurufen, die in Bayreuth bei Frank Castorfs "Ring" gerade heftig enttäuscht gebuht haben, so werkgetreu setzen Dieter Dorn (Regie) und Jürgen Rose (Ausstattung) ihre "Ring"-Deutung fort, wobei das Wort "Deutung" ein wenig euphemistisch ist, denn gerade das verweigert das Team über weite Strecken. Was mag dazu wohl Festspiel-Chefin Eva Wagner-Pasquier gedacht haben, die im Publikum saß?
Noch bevor ein Ton Musik erklingt, haben – in Gestalt schwarzer Männer mit Strumpfmasken und Schnäbeln – die beiden Raben Wotans ihren Auftritt; Grane ist eine hübsche, zart bewegliche Stabpuppe, das Widder-Gespann Frickas besteht aus einigen halbnackten Männern mit entsprechenden Hörnern; und (fast) echte (Männer-)Pferde gibt es auch: gleich zu Beginn, wenn Siegmund verfolgt wird, und natürlich beim "Walküren"-Ritt. Die bis zur Brandmauer aufgerissene Bühne ist ein schwarzes Brettermeer, das aussieht wie übereinander geschobene Eisschollen auf spiegelnd schwarzem Boden. Im ersten Akt begrenzen bewegliche Bretter-Paravents Hundings Hütte samt dekorativ geformter knorriger Esche; Im dritten Akt ist die Bühne fast leergeräumt, ein einsamer, nackter Baumstamm dominiert die rechte Hälfte, und das alles wird gerahmt von einem schmalen roten Lichtband.
Die Kostüme wirken – wie immer bei Rose seit den Shakespeare-Aufführungen mit Dorn an den Münchner Kammerspielen in den 80er Jahren – wie eine Synthese verschiedener Ethnien. Mehr archaischer Klassizismus geht kaum. Das ist eine schon fast naiv zu nennende Ästhetik, die man von Dorn/Rose seit Jahrzehnten kennt. Sie betont immer: "Wir spielen Theater!" und hat im besten Falle etwas zeitlos Faszinierendes. Im schlimmsten Falle freilich macht sich Beliebigkeit und Langeweile breit, kehren die Sänger auf überholt geglaubte raumgreifende Gesten und Posen zurück. Und wenn das in jeder Hinsicht ausnehmend attraktive Walküren-Oktett zu Beginn des dritten Aufzugs mit seinen toten Helden in Gestalt eindeutig männlicher weißer Schaumgummi-Puppen spielt, dann hat das eine Belanglosigkeit, die schlicht schmerzt.
Dabei hatte alles so spannend und schlüssig begonnen: Im ersten Aufzug gelingen Dorn psychologisch ausgefeilte Rollenporträts, die so genau auf die Musik inszeniert sind, dass die Gefahr der Verdoppelung immer hinter der nächsten Ecke lauert, aber von der Präzision im Detail gebannt wird. Wann hat man je die Feindseligkeit von Hunding und Siegmund, die sich buchstäblich an die Gurgel gehen und von Sieglinde getrennt werden müssen, so physisch erlebt, wann entwickelte sich bei einem Wälsungenpaar eine so natürliche erotische Beziehung. Da ist der Schauspielregisseur ganz bei sich und den Figuren, inszeniert er diesen eigentlichen Beginn des "Ring"-Dramas als spannende Dreiecksgeschichte.
Will Hartmann und Michaela Kaune sind dafür die perfekten Sängerdarsteller. Beide besitzen keine großen Wagner-Stimmen, singen aber ungemein intelligent, phrasieren exzellent und artikulieren ausnehmend wortverständlich; im Spiel lassen sie alle Künstlichkeit vergessen. Hartmanns Tenor ist durchschlagskräftig und doch lyrisch grundiert, Kaunes Sopran hell und leicht – auch noch im intensivsten Ausdruck. Günther Groissböck überzeugt als (feindlicher) Dritter im Bunde nicht minder und spielt – ein muskulöser Hüne von einem Mann – den brutalen Macho, der keinen schwarzen Bass braucht, um gefährlich zu sein.
Auch im zweiten Aufzug sind die Szenen von Siegmund und Sieglinde die überzeugendsten. Mit Fricka und Wotan jedoch beginnen die Probleme. Elena Zhidkova hat zwar stimmlich Format, aber was die Göttergattin mit strenger Frisur warum und wieso singt, wirkt ein wenig wie auswendig gelernt. Bei Tom Fox ist der Gott ein zorniger älterer Herr, dem es – stimmlich angeschlagen – gerade in der Mittellage an Farben und Intensität mangelt. Bei seinem großen Monolog im zweiten Akt schälen sich aus dem Boden ein halbes Dutzend Spiegelwände, die Wotan buchstäblich auf sich zurückwerfen und am Ende auch Brünnhildes Schlafstatt umstellen.
Petra Lang ist diese Brünnhilde: Aus dem einstigen Mezzo ist eine gestandene Hochdramatische geworden, deren Höhen nie schrill, deren Töne noch im größten Ausdruck rund sind und die bis in die Tiefe prägnant singen kann. Nur schade, dass ihr der Regisseur fehlte. Denn am Ende verstärkte sich immer mehr der Eindruck, dass Dorn mit seiner Inszenierung nicht fertig geworden ist. So viele konventionelle Gesten, soviel Hilflosigkeit beim großen Dialog Brünnhilde/Wotan waren angesichts des brillant durchgeformten ersten Aufzugs erstaunlich. Da konnte selbst Wotans Abschied nicht mehr viel retten, auch wenn der schwarze, von einem Heer von Statisten wellenbewegte Rundhorizont beim Hochziehen rote Flammen freigab. So einfach, aber auch so schlicht.
Ingo Metzmacher und das Orchestre de la Suisse Romande hatten an der emotionalen Neutralität, die am Ende dominiert, keinen geringen Anteil. Denn so überzeugend das Bestreben Metzmachers war, dem sehr tief sitzenden und damit schon in der fünften Reihe erstaunlich gedämpften, aber ausnehmend klangschön spielenden Orchester alles wabernde Pathos auszutreiben, nicht zuletzt durch oft sehr flüssige Tempi, so wenig Überwältigungskraft hatte die Musik dadurch manchmal. Auch hier überzeugte der erste Akt in seiner Kammermusikalität am meisten; auch der Wille, schöne Stellen wie Sieglindes "O hehrstes Wunder" nur ja nicht breitzuwalzen, verdiente Respekt. Aber gerade weil auf der Bühne so wenig Deutung stattfand, hätte man sich vieles musikalisch etwas plastischer gewünscht.

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