Kritik: Semele, Gärtnerplatztheater

Semele in München: Händels beste Oper

Iris und Juno (Elaine Ortiz Arandes und Adrineh Simonian) Foto: Thomas Dashuber

Das Gärtnerplatztheater in München zeigt bis 7. November im Cuvilliés-Theater eine hinreißende Produktion von Händels „Semele“ in englischer Originalsprache
Von Laszlo Molnar
(München, 26. Oktober 2013) Was eigentlich ist Händels „Semele“, dieses 1744 uraufgeführte dramatische Stück „After the Manner of an Oratorio“, wie der Komponist es nannte? Biographen und CD-Herausgeber listen es als Oratorium. Und tatsächlich hat „Semele“ dank der farbigen ausdrucksstarken Musik und der abwechslungsreichen Anlage mit Chören an dramaturgisch wichtigen Stellen alle Qualitäten, die Zuhörer auch ohne Szene zu erreichen. Aber steht Semele erst einmal auf der Bühne, von den Händen einer begabten Regie dorthin gehoben, dann merkt man, um was für eine vollblütige Oper es sich dabei handelt, um die vollblütigste Oper Händels überhaupt. Dem Gärtnerplatztheater München ist dieser Beweis in seiner Neuinszenierung durch Karoline Gruber im Cuvilliés-Theater rundum gelungen, auf der Bühne, im Orchestergraben. Man geht neugierig hinein und kommt beschwingt heraus. Was für ein Theaterabend!
Dazu trägt natürlich auch das hinreißende Ambiente des Cuvilliés-Theaters bei, das einen die reale Zeit vergessen lässt. Es taucht den Besucher in dieses weiche Licht aus Rot und Gold und bringt einen dann, sobald es dunkel ist und der Vorhang auf, ganz nah an die Musik heran. Dann ist es am Theater und seinen Künstlern, ihren Zauber zu verbreiten. Händels „Semele“ ist genau der richtige Stoff dafür.
Unter den dramatischen Werken Georg Friedrich Händels sind seine italienischen Opern die bekanntesten und beliebtesten. Davon gibt es tatsächlich eine sehr große Auswahl und Händel war es hervorragend gelungen, die zu seiner Zeit konventionelle Form der Opera Seria mit lebendigen und leidensfähigen Charakteren zu erfüllen. Allerdings hatte er damit nur eine bestehende Form restauriert und am Leben gehalten. Eine wirklich innovative Leistung vollbrachte er mit seinen Englischen Oratorien, deren erstes – „Esther“ – auf 1718 zurückgeht und deren berühmtestes der „Messias“ ist. 1741 komponierte er seine letzte italienische Oper, „Deidamia“, und hatte dann vom Ärger und den Sorgen mit Bühnenwerken genug. Auch hatte sich die Stimmung des Londoner Publikums gewandelt und man wollte statt der importierten Oper aus Italien etwas hören, das mehr der Kultur der Insel angehörte. Händel beherrschte beides und verschmolz seine Erfahrungen mit der italienischen Oper und mit dem englischen Anthem zu einer revolutionären dramatischen Form. So revolutionär war sie, dass dem Publikum die konzertanten Aufführungen von „Semele“ gar nicht gefielen. Nicht einmal zehn Aufführungen erlebte sie zu Händels Lebzeiten.
Dank der modernen Bühnenregie sehen wir das heute anders und können an einem Stück unsere Freude haben, das mit den Mitteln der Barockmusik und des Generalbasszeitalters alles enthält, was wir von einer spannenden Oper erwarten. Vor allem: glaubhaft gezeichnete Charaktere, die authentische Gefühle durchleben und deshalb in Konflikte mit ihren Handlungsgenossen geraten. In Semele ist die Spannung besonders groß: Semele, Tochter des Königs Cadmus von Theben, soll nach dem Willen ihres Vaters endlich heiraten, wie es sich gehört. Aber sie will nicht, und sie will nicht den Regeln der Gesellschaft gehorchen. Zum Glück interessiert sich Jupiter persönlich für sie; er entführt sie in menschlicher Gestalt in sein Reich und verzaubert sie mit den Reizen göttlichen Daseins. Nun kommt die Eifersucht ins Spiel: Jupiters Gattin Hera gerät in Rage und schwört Rache, aber auf die subtile Art. Sie flüstert Semele ein, dass sie das Ziel ihrer Wünsche nur erreicht, wenn sie selbst unsterblich wird und dafür Jupiter in göttlicher Gestalt erlebt. Das soll sie von ihm verlangen. Semele zwingt Jupiter, ihr diesen Wunsch zu erfüllen und sie endet im Verderben: Im Feuer der göttlichen Erscheinung muss sie verbrennen. Die Menschen auf der Erde trauern, aber trösten sich mit der Moral: wehe dem, der es zu weit treibt und die Regeln missachtet. Aber zum Ende der Oper wird die Geburt des Bacchus aus der Verbindung von Semele mit Jupiter verkündet: Es braucht oft den Ausbruch, um etwas Neues hervorzubringen.
Das breitet Händel mit dem Schönsten an Musik aus, was ihm je eingefallen ist, mit hochvirtuosen und dabei ganz innigen Arien der Semele, mit lyrischer Wärme bei Jupiter, mit einem Ensemble von Cadmus, Semele, Ino und Athamas, das wegweisend war und das es so erst wieder bei Mozart und Verdi geben sollte und mit grandiosen Chören, die es in so dramatisch relevanter Position erst wieder bei Verdi und Wagner geben sollte. Es war Händel, der mit „Semele“ – und nochmals mit „Hercules“ (1745) – die Oper des Barock zu ihrem Höhe- und Schlusspunkt brachte. Mit Einsatz der musikalischen Mittel seiner Zeit gestaltet er ganz frei und uneingeschränkt Charaktere, denen man jede Gefühlsregung abnimmt und spinnt daraus den Faden der Handlung. „Semele“ weist eine Stringenz von Gefühl, psychischer Lage und Motivation auf, die es seit Monteverdi nicht mehr gab und die erst mit Mozart wiederkehrte. Das ist Oper, wie wir sie auch heute verstehen und die deshalb in einer modernen Inszenierung hervorragend funktioniert.
Dafür hat das Gärtnerplatztheater mit Karoline Gruber genau die Richtige gewählt. Sie versetzt die Handlung in das sittenstrenge Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Am Beginn steht eine Art Massenhochzeit der großbürgerlichen Gesellschaft, die sich als Motiv durch den irdischen Teil der „Semele“ zieht. Das höchste Glück einer Frau muss ihre Verheiratung sein, aber Semele akzeptiert das nicht. Gruber lässt Semeles Darstellerin Jennifer O’Laughlin eine junge, entschlossene, aber auch verführbare eitle und naive Frau spielen. Jupiter muss sie mit exquisiten Ablenkungen bei Laune halten. Wunderbar, wie O’Laughlin die spielerische, offensiv virtuose Haltung von Händels Musik in eine lebendige Person umwandelt, die einen anrührt. Semele ist das strahlende Zentrum der Handlung, aber genauso hält Gruber die anderen Personen unter Spannung – Jupiter, Juno, Semeles Schwester Ino -, so dass hier ein wahrer Kosmos in den Strudel der Ereignisse gerät. Am Ende ist man als Zuschauer ganz atemlos über die Gewalt von Semeles Schicksal. Es wälzt sich über sie her, vom ersten Moment an, mit zunehmender Kraft und am Ende mit monströser Gewalt. Ähnlich aber wie Juno wendet Gruber diese Gewalt nicht auf ihr Konzept an. Sie zieht an feinen psychologischen Strippen, die ihr das Libretto und die Musik in die Hand geben. Heraus kommt eine Produktion aus einem Guss und einem großen Wurf, stimmig, spannend und anrührend vom Anfang bis zum Ende. 
Rundum hatte man am Gärtnerplatztheater das richtige Händchen für die Produktion. Händel hat alle inspiriert. An den Sängerinnen und Sängern unter der musikalischen Leitung von Marco Comin hat man von Anfang bis Ende Freude, am Bass Holger Ohlmann als König Cadmus, am Countertenor Franco Fagioli als Semeles geplantem Ehemann Athamas, an der Mezzosopranistin Adrineh Simonian als Juno, am Tenor Ferdinand von Bothmer als elegant-galantem Verführer Jupiter, an István Kovács als trägem Schlafgott Somnus und an Elaine Ortiz Arandes als Junos Gehilfin Iris. Bei der Aufführung am Samstag zeigte sich Ann-Katrin Naidu als Semeles Schwester Ino leider nicht in Hochform, ihr Alt litt zu oft an Brüchen und an deutlichen  Registersprüngen.
Ausgezeichnet, was das Orchester des Gärtnerplatz-Theaters an historischer Aufführungspraxis für sein Händel-Musizieren aufbietet. Lebendige Artikulation, Schwung, große Farbigkeit, die nicht zuletzt von der tollen Continuo-Gruppe mit zwei Cembali (Olga Watts und Jörn Hinnerk Andresen) und Laute begründet wird. Davon will man dringend mehr haben – Händel am Gärtnerplatztheater könnte Kultstatus erreichen wie einst Händel an der Bayerischen Staatsoper.

Aufführungstermine, Information und ein Video finden Sie hier: http://www.gaertnerplatztheater.de/produktionen/semele.html

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