Kritik: Petrenko dirigiert Frau ohne Schatten in München

Premierenkritik Petrenko dirigiert die Oper Die Frau ohne Schatten: Gekachelte Ehehölle

Adrianne Pieczonka, Elena Pankratova und Wolfgang Koch Foto: Anne Kirchbach

Richard Strauss‘ "Die Frau ohne Schatten" ist die erste Premiere der Bayerischen Staatsoper in der gerade begonnenen Saison und die erste Premiere Kirill Petrenkos im Amt des neuen Generalmusikdirektors.
Von Robert Jungwirth
(München, 21. November 2013) Was für ein Einstand für den neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper Kirill Petrenko! Da hallt noch der Applaus des Bayreuther Publikums für sein fulminantes „Ring“-Dirigat nach, da wird er schon vom Münchner Publikum ausgiebigst bejubelt. Und das bereits nach dem ersten Akt der „Frau ohne Schatten“, der ersten Premiere Petrenkos in seinem neuen Amt und zugleich die erste Premiere der neuen Saison der Bayerischen Staatsoper.
Natürlich, die Münchner kennen „ihren“ Richard Strauss und sie erkennen auch, wenn jemand seine Musik gut dirigiert. Petrenko dirigiert sie nicht nur gut, er entfesselt klangliche Höhepunkte am laufenden Meter, und zwar nicht nur durch Zuspitzungen und Klangballungen, die es hier freilich auch jede Menge gibt, sondern ebenso durch Farbigkeit und Transparenz in den kammermusikalischen wie in den großen Tutti-Orchesterpassagen, einer präzisen Durchformung und Hörbarmachung des orchestralen Geschehens dieser ungeheuren Partitur, wie man es kaum je so hört. Selbst unter Sawallisch war nicht immer ein solches Maß an Präzision und Durchhörbarkeit zu erleben wie bei dem knapp über 40jährigen Russen. Dabei klingt die Präzision bei Petrenko freilich nie nach Pedanterie – immer kommt das Melos ebenfalls zu seinem Recht. Wer glaubt, die „Elektra“ sei doch die „modernste“ und avancierteste Partitur von Strauss, der höre sich diese „Frau ohne Schatten“ an. Was hier an Verstörendem und ja auch „Modernem“ zu hören ist, das hätte 40 Jahre später Bernd Alois Zimmermann auch so komponieren können. Petrenko macht dies hörbar und sorgt mit „seinem“ Bayerischen Staatsorchester und den fantastischen Sängern für einen musikalisch überwältigenden Abend. Ein besserer Einstand hätte dem Petrenko nicht gelingen können!
Was für eine fantastische Musik! Und was für ein verquastes Libretto! Die zum Märchenstoff gequälte Beziehungsproblematik zweier Paare, respektive deren Kinderlosigkeit mit all dem dazu gerührten Zaubertand aus tausend und einem Märchen, ist einfach nur schwer erträglich, selbst wenn es herrlichst gesungen wird. Kaum je hat man eine so klar und dabei so durchschlagskräftig singende Färberin wie die von Elena Pankratova erlebt. Oder einen so hoffnungslos unter dem Pantoffel stehenden und dabei doch stimmlich so überragenden Barak wie den von Wolfgang Koch. Aber auch Adrianne Pieczonka in der Titelrolle bietet hinreißenden Sopranglanz mit den nötigen wehmütigen Eintrübungen. Leider nicht ganz auf diesem Niveau singt Deborah Polaski in der Rolle der Amme, die bei ihr leider so gar nichts Geheimnisvolles oder gar Unheimliches hat.
Wie nicht anders zu erwarten, stemmt der Tenor fürs Grobe Johan Botha als Kaiser jede noch so unangenehme Höhe – dass er dabei besonders seelenvoll agieren würde, kann man von ihm allerdings nicht behaupten. Seine Dienstleisterhaltung wird mitunter von der Regie noch unterstrichen, wenn der Kaiser in höchster Gefühlsaufwallung gegenüber seiner geliebten Kaiserin einfach nur am Tisch sitzt und ein Glas Wein trinkt wie ein resignativer Heurigenzausel.
Es ist nicht so, dass Regisseur Krzysztof Warlikowski keine Ideen hätte – nur haben sie nicht immer etwas mit dem Stück zu tun, das er inszeniert. Den gesamten Film-Prolog etwa – ein Ausschnitt aus „Letztes Jahr in Marienbad“ -, der aufwändig und minutenlang vor dem eigentlichen Beginn der Oper auf die gesamte Bühnenbreite projiziert wird, hilft dem Verständnis oder der Deutung der Handlung keinen Zentimeter weiter. Auch der grellweiß gekachelte Hauptraum, der eine Art Schwimmbad für die „Wasserprobe“ abgeben mag – ach wie so witzig – , hat sonst nur wenig Überzeugungskraft. Dafür umso mehr Nervpotential, wenn bei den innigsten und zauberhaftesten Stellen der Partitur der Zuschauer in eine aseptische Grellheit hineinstarrt – selbst wenn die Szenerie als illusionsloser Blick auf die bürgerliche Ehehölle resp. das Ehegefängnis gemeint sein mag (ein Thema, das Richard Strauss übrigens immer wieder beschäftigte). Am Ende gibt der Kachel-Raum dann eine Art Gericht ab, vor dem die Ehesachen Färber und Färberin sowie Kaiser und Kaiserin mit einem wild vor sich hinstempelnden Gerichtsdiener verhandelt wird: Barak lässt sich scheiden – auch wieder so ein lustiger Einfall…(Oder spielt das Ganze doch eher in der Nervenheilanstalt?) Und Keikobad, der unheilvolle Zauberer, der den Stein des Unheils ins Rollen gebracht hat und in der Oper gar nicht vorkommt, darf als gebeugter Greis mit Krückstock in slow-motion über die Bühne schlurfen. Erkenntnisgewinn: 0.
Wieder einmal ist es Intendant Nikolaus Bachler nicht gelungen, der enormen musikalischen Qualität des Hauses am Max-Joseph-Platz ein einigermaßen entsprechendes szenisches Pendant gegenüber zu stellen. Dabei war Warlikowski bereits mit seinem „Onegin“ in München auf kritische Ablehnung gestoßen. Die unbefriedigenden Inszenierungsleistungen am Nationaltheater werden zu einem beträchtlichen Manko der Ära Nikolaus Bachler.

 

 


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