Kritik: Muti dirigiert Ernani in Rom

Premierenkritik Muti dirigiert Verdis Ernani: Sublimes Dirigat

Mantel und Degen: Luca Salsi als Don Carlo in „Ernani“ Foto: Silvia Lelli

Riccardo Muti dirigierte an der römischen Staatsoper eine musikalisch hervorragende, aber inszenatorisch konservative "Ernani"-Produktion. Doch die Zukunft der römischen Oper ist ungewiss.
Von Thomas Migge
(Rom, Dezember 2013) Sicherlich muten uns heute Handlung und Libretto von Giuseppe Verdis Oper "Ernani", nach einem Drama von Victor Hugo, eher grotesk und nicht, wie in der ersten Hälfte des 19. Jh., heroisch an. Doch es ist Verdis Musik, die dieses Werk so erstaunlich macht. Der Komponist war von Hugos Vorlage begeistert, weil sie ihm viel Stoff für operntechnisch kühne Situationen gab, die sich hervorragend in Musik umsetzen ließen. "Ernani" ist keines der Hauptwerke Verdis: Zu sehr ist diese Oper in ihrem formalen Aufbau der Konvention verhaftet, doch bestimmte Stellen verweisen bereits auf kommende Werke, auf "Nabucco" und den "Troubadour". Für den heutigen Hörer bietet die Oper eine ungeheure musikalische Schlagkraft – vorausgesetzt sie wird so dirigiert wie man sie dirigieren sollte.
Und das gelingt Riccardo Muti. Der Honorardirektor auf Lebenszeit an der römischen Staatsoper dirigiert pro Spielzeit zwei bis drei Opern. Glanzpunkte im italienischen Opernleben. Man ist versucht zu sagen, dass Muti der weltweit vielleicht talentierteste und feinfühligste Interpret Verdis ist. Sein "Nabucco" in Rom vor wenigen Monaten bleibt unvergesslich. Seit er an der Staatsoper den Ton angibt, nicht nur bei der Auswahl der Opern, sondern auch bei der Besetzung des Orchesters und der Sänger, lohnt es sich auch von auswärts anzureisen wenn er dirigiert.
Sein Dirigat von "Ernani" war meisterhaft, sublim. Anders kann man es nicht nennen. Nie rutschte die Musik an jenen Stellen, vor allem im ersten Akt, ins "Tumpapa tumpapa" ab, wie das leider immer noch bei verschiedenen anderen Dirigenten der Fall ist.
Wie immer wenn Muti in Rom dirigiert, singen ausgezeichnete Interpreten. Francesco Meli war ein emotional ergreifender Ernani. Er ist ganz klar einer der besten jugendlichen Heldentenöre, die Italien derzeit bieten kann. Luca Salsi sang den Don Carlo. Salsi ist ein guter, aber kein perfekter Heldenbariton für diese Rolle. Seine Stimme ist dafür einfach nicht kräftig genug. Der dramatische Sopran Tatjana Serjan war die Elvira. Eine schöne, kräftige Stimme und eine attraktive Bühnenpräsenz, aber mit zu wenig interpretativer Aussagekraft in der Stimme. Star des Abends war ganz klar Ildar Abdrazakov. Der russische Hühne ist nicht nur ein perfekt seriöser, sondern dazu auch noch ein dramatischer Bass. Eine Stimme, wie sie sich Verdi für diese Rolle gewünscht hätte.
Ein wirklich gelungener Opernabend, der, wie immer wenn Muti dirigiert, beweist, wie sehr die römische Staatsoper gegenüber der große Konkurrentin La Scala in Mailand aufgeholt hat. Doch leider wagt man in Rom keine mutigen Regieentscheidungen. Hugo de Ana bot ein Bühnenbild, dass Architekturelemente der späten Renaissance präsentierte und üppige Kostüme wie für einen Historienfilm. Nichts Besonderes also, eine klassische Inszenierung wie man sie in Rom mag.
Bleibt die Frage, wie lange der römischen Staatsoper Muti noch erhalten bleibt. Dort setzt man alles auf die Karte Muti. Aber der neue sozialdemokratische Bürgermeister Roms, Ignazio Marino, will und muss radikal sparen, denn seine Stadt steht vor dem finanziellen Aus. Also wird auch an der städtischen Beteiligung zur Finanzierung der Oper gespart. Rund acht von 20 Millionen Euro werden gestrichen. Marino will auch kulturpolitisch im Management der Oper Einfluss haben. Der Verwaltungsrat wurde bereits aufgelöst. Ob Intendant Catello De Martino bestätigt wird, ist unklar, werfen einige Zeitungen ihm doch vor, rote Zahlen des Theaters verschwiegen zu haben. Die große Frage ist also: Wird man sich Muti auch weiterhin leisten können? Wird Muti bleiben? Die Frage um seine Gage wird wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Bekannt ist hingegen, dass Muti sich nicht gern hineinreden lässt. Unter dem alten Bürgermeister erhielt die Staatsoper jede Form der Unterstützung für Mutis kostspielige Inszenierungen. Ziel war es, das Opernhaus in die A-Liga der europäischen Musiktheater zu hieven. Ob das auch weiterhin und unter dem neuen Sparbürgermeister möglich sein wird, ist unklar.

 

 


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.