Kritik: Minkowski Strauß

Konzert-Kritik Marc Minkowski: Delirien im Dreivierteltakt

Marc Minkowski Foto: IMG-Artists

Die Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski mit Strauß-Walzer zu Besuch in Köln
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 30. Dezember 2013) Marc Minkowski wirkt auf den ersten Blick gemütlich, mit seiner etwas fülligen Gestalt, dem runden, von Weißhaar bedeckten Kopf. Am Pult jedoch wird er zum Heißblut. Sein Temperament war nicht zuletzt für die von ihm lange dirigierten Werke des Barock eine Vitaminspritze. Er lernte dieses Repertoire zunächst als ausgebildeter Fagottist kennen, spielte als solcher in diversen Ensembles wie jenen von William Christie, René Clemencic und Philippe Herreweghe. Wie Letztgenannter ist auch Minkowski inzwischen längst zu neuen Ufern aufgebrochen und sogar bei Zeitgenossen wie John Adams, Henryk Gorecki und anderen Komponisten mit moderater Tonsprache angekommen.
Wie der von ihm verehrte Nikolaus Harnoncourt bleibt auch Minkowski einstigen Wurzeln verhaftet, aber die Grenzüberschreitungen mehren sich. Um nur einmal seine Tätigkeit in der Oper von 2009 bis (vorausgreifend) 2014 aufzulisten … Dirigate im Barockbereich galten vor allem Händel („Alcína“, „Agrippina“, „Acis e Galathea“, „Tamerlano“) sowie Rameau („Platée“), die Klassik war mit Gluck („Orfeo“, „Alceste“) und Mozart (“Lucio Silla“, Idomeneo“, Giovanni“, „Cosi fan tutte“) vertreten, das 19. Jahrhundert mit Gounod („Mireille“, „Roméo et Juliette“, „Faust“), Thomas („Hamlet“), Verdi („Trovatore“), Wagner („Holländer“ – diesen in CD-Kombination mit Pierre-Louis Dietschs „Vaisseau fantôme“), Massenet („Cendrillon“) und Moniuszko („Halka“ am Wielki Warschau).
Mit diversen Offenbach-Aufführungen hat Minkowski auch bewiesen, dass er eine fantastische Hand für das unterhaltende Genre besitzt.
In der Kölner Philharmonie huldigte er jetzt mit seinen Musiciens du Louvre Grenoble der Strauß-Dynastie. Damit wurde der Abend zu einem Neujahrskonzert, sowohl was das Programm betrifft, aber auch durch die Silvestergrüße des Dirigenten und die Klatschmarsch-Zugabe mit Verhaltensanweisungen ans Publikum. Die Kölner, eigentlich ein deftiger Menschenschlag, reagierten erstaunlich feinfühlig darauf, wie Minkowski von seinem Pult aus dämpfte bzw. mit Crescendier-Gesten herausforderte.
Aus dem Strauß-Angebot scherte nur Giudittas „Meine Lippen, die küssen so heiß“ aus. Nichts gegen Franz Lehár, aber dieser Ausflug verletzte die Programmdramaturgie. Dabei wäre für die Gesangssolistin Lenneke Ruiten bei Strauß wahrlich noch ausreichend vokales „Futter“ zu holen gewesen. Und gerade bei diesem ziemlich erotischen „Giuditta“-Lied kam die Stimme der ansonsten fantastischen Sopranistin aus den Niederlanden an Gestaltungsgrenzen. „Frühlingsstimmen“, Adele („Mein Herr Marquis“) und der vokal adaptierte Walzer „Wiener Blut“ im Zugabenteil lagen ihrer glockenreinen, koloratur- und staccatosicheren Stimme entschieden mehr. Warum weiterhin nicht auch ein paar Stücke von Eduard Strauß, der gleichfalls viel hübsche Musik hinterlassen hat? Dass er bei so prominenten Brüdern an seinen Eigenwert als Komponist zweifelte und wohl auch ein wenig verzweifelte, sich zuletzt sogar mit der Verbrennung von Notenmaterial „rächte“, steht auf einem anderen Blatt.
Minkowski begann das Konzert mit den „Delirien“ von Josef Strauß. Dieser Walzer hebt mit einer fiebrig wirkenden, tremolo-durchsetzten Introduktion an, welche in ein sphärisches Flötenmotiv mündet, anschließend ausgeweitet zum terzenseligen Hauptmotiv. Nicht zuletzt wegen dieser genialen Einleitung stehen die „Delirien“ gleichberechtigt neben der „Blauen Donau“ und dem „Kaiser-Walzer“. Den Einstieg hätte Minkowski zwar um einige Grade hitziger gestalten können, aber die Walzereleganz der Musik realisierte er betörend schön, später auch bei „Rosen aus dem Süden“.
Wie bei den Wiener Neujahrskonzerten gab es auch manch unbekannten Strauß zu hören. Das waren die “Russische Marsch-Fantasie“, die herrlich unorthodoxe „Furioso“–Polka, die Polka Mazurka „Fata Morgana“ und die Romanze d-Moll für Cello und Orchester. Ihre langen Harfen-Passagen zu Beginn deuteten den Wohlfühl-Charakter der Musik bereits nachdrücklich an. Diesem klangvollen Stück würde man gern häufiger begegnen. Ein so nobles Spiel wie das von Joelle Martinez (aus den Reihen des Orchesters) sollte aber garantiert sein.
Die Annen-Polka ließ Marc Minkowski über weite Strecken in einem fast unhörbaren Pianissimo spielen. Das steht sicher nicht so extrem in der Partitur. Aber die „Eigenmächtigkeit“ des Dirigenten geriet einfach zu einem delirischen Hörerlebnis und erinnerte daran, wie Paavo Järvi dieses Extrem seinerseits beim „Valse triste“ von Jean Sibelius anwandte.
Ein gewichtiger Programmteil galt der „Fledermaus“. Vor dem bereits erwähnten Adele-Couplet erklang die Ouvertüre; die Tik-Tak-Polka bot ein komprimiertes Potpourri durch die Partitur. Sogar die Polka schnell „Unter Donner und Blitz“ darf man gemäß Aufführungspraxis als zur „Fledermaus“ gehörig ansehen. Manches ließ Minkowski hier (wie auch an anderer Stelle) ein wenig burschikos musizieren, aber das meiste geriet ausgesprochen spritzig.
Beim nächsten Besuch würde man die Musiciens du Louvre Grenoble auch gerne von einer anderen Seite kennenlernen: Marc Minkowski hat mal sein besonderes Faible für die Musik von Hector Berlioz geäußert. Das wäre doch etwas…

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