Kritik: Mariinsky Theater, Gergiev Wien

Konzertkritik Gergiev dirigiert Berlioz: Was für Stimmen!

Valery Gergiev Foto: Alexander Shapunov

Fulminantes Berlioz-Gastspiel des Mariinsky Theaters mit Gergiev im Wiener Konzerthaus
Von Derek Weber
(Wien, 25. bis 27. Oktober 2013) In Wien zu sein ist manchmal, wenn auch nicht immer, ein schönes Privileg. In diesen letzten Tagen gab’s neben "Wien Modern"-Konzerten Juan Diego Flórez als Tonio in der "Regimentstochter" in der Staatsoper zu hören. Das Konzerthaus lud zu einem auf drei nacheinanderfolgende Tage verteilten Gastspiel des St. Petersburger Mariinsky-Theaters. Alles Berlioz, dessen Musik ja an der Donau immer noch zu den Raritären gezählt werden muss, von Aufführungen auf der Bühne ganz zu schweigen.
Für die Petersburger Musiker hingegen ist Berlioz kein Fremder. Dort spielt man ihn oft. Kein Wunder, denn da gibt es einen Ruf zu verteidigen. Ist doch der Komponist selbst über die Petersburger Musiker ins Schwärmen geraten. Zudem hat das Mariinsky Theater für eine Oper wie die "Trojaner" die nötigen starken Stimmen und für eine lange Vokalsymphonie wie "Roméo et Juliette" in Gergiev einen Dirigenten, dem der Faden nie entgleitet. Die Werke des dritten Abends – die für den Rom-Preis 1834 geschriebene dramatische "Scène lyrique" "Cléopâtre" und die konzertante Symphonie "Harold en Italie" – nahmen sich im Vergleich dazu wie leichte Draufgaben aus, nicht weil sie "leicht" dargeboten wurden – das blieb dem Rákóczy-Marsch, dem "Ungarischen Marsch" aus "Fausts Verdammnis", vorbehalten -, sondern weil sie gegenüber einer Monsteroper wie den "Trojanern" geradezu Leichtgewichte darstellen.
An den "Trojanern" gehen viele auch als Hörer/Zuschauer etwas unbedacht vorbei. Das liegt zuerst einmal an der Länge: In der ungekürzten Version dauert die Oper rund fünf Stunden und selbst wenn sie, wie im Konzerthaus, auf (die Pausen mitgerechnet) dreieinhalb Stunden komprimiert wird, ist das auch für den Gast im Parkett eine starke Herausforderung. Die aber wird einem – zumal beim Petersburger Ensemble (verstärkt durch die Wiener Singakademie) – nicht lang: Gigantische Chöre, gewaltige Ensembles, Klagelieder wie die Arie der Dido wechseln einander ab. Kassandras vom Selbstmord der Trojanerinnen begleitete Sterbeszene ist eine große dramatische Kantate für sich. Die ganze Oper besteht eigentlich aus zwei Opern, von denen die eine in Troja, die andere in Karthago spielt.
Wer das blutige Ende Trojas schildert, schreckt vor keinem Aufwand zurück. (Auch der junge Mozart ist ja, als er den zum gleichen Sagenkreis zählenden "Ideomeneo" schrieb, bis an seine Grenzen gegangen.) Wer solche Opern nachdirigiert braucht neben dem großen Überblick die Fähigkeit zum auffächernden Disponieren und er muss, um die dramatische Wucht an den Kulminationspunkten zu konzentrieren, immer wieder an die Grenzen dessen gehen, was Solisten, Chor und Orchester zu bewältigen in der Lage sind. Valery Gergiev hat diese Kraft, die die Musik in ihrem Innern zusammenhält und die Sänger anspornt, das Letzte zu geben.
Und was für Sänger! Die St. Petersburger Oper verfügt über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Stimmen, zum Beispiel den Bariton Alexei Markov in der Rolle des Chorèbe (des Verlobten Kassandras). Den sang er mit scheinbar mühelosem kraftvollen Einsatz, flexibel in Phrasierung und Farbgebung und kernig im Ausdruck. Der Tenor Sergey Temishkur stand ihm als Aeneas in nichts nach. Mlada Khudoley verlieh der Kassandra dramatische Kontur und Ekaterina Semenchuk bewältigte die Partie der Dido mit bewundernswerter Sicherheit in der Wahl der Mittel auf der großen Ausdrucksskala. Zlata Bulycheva fügte sich kontrastreich als ihre lyrische Schwester Anna hinzu. Und wenn ein Sänger krank wird, stehen zwei bereit, einzuspringen. (So geschehen beim Pater Lorenzo in "Romeo und Julia", wo der Ersatz des Ersatzes zum Einsatz kam.)
Ins Schwärmen könnte man geraten bei diesem Ensemble an Stimmen, zu dem in "Roméo et Juliette" mit Olga Borodina eine Altistin hinzutrat, deren dunkle, warme Stimme den ganzen Bereich vom Pianissimo bis zum Fortissimo stupend aufüllte. Nicht zu vergessen Dmitry Voropaev als Romeo.
Was aber wären diese Stimmen ohne die Grundierung durch das Mariinsky Orchester, das – von Gergiev stets im Auslandseinsatz gefordert – in all seinen Sektionen nur Musiker erster Qualität beschäftigt. Die Streicher zeichnen sich durch einen sensiblen, zarten und durchsichtigen Grundton aus, in den sich nie ein dickes, aufdringliches Hyper-Vibrato verirrt und mit dem die farbenreichen Holzbläser gerade in dieser "Dramatischen Symphonie" gut zusammenklingen. Man merkt die lange Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten; die Musiker wissen jeden Wink zu lesen, nehmen jede Attacke auf. Und dennoch haben die Blechbläser, insbesondere die Posaunen, einen flexiblen, präzisen aber weichen Klang.
So sehr in den "Trojanern" ein markiger Ton im Vordergrund stand, nie hat der Klang dieses Orchesters in den schwärmerischen Abschnitten der Oper oder in "Roméo et Juliette" einen Anflug von Schwere, immer steht eine geradezu elfenhafte Leichtigkeit im Vordergrund. In der "Scène lyrique" "Cléopâtre" (wieder mit der unvergleichlichen Ekaterina Semenchuk) und in "Harold en Italie" mit Julian Rachlin an der obligaten Viola kam diese Leggerezza am letzten Abend noch einmal zu ihrem Recht.
Und das Schönste an solchen Residenzen: Nie hat man den Eindruck, dass Valery Gergiev seine Gastspiele zu Tode perfektioniert. Immer bleibt Raum für das Spontane, aus dem Augenblick heraus Geborene. Ein kleiner Wink mit der linken Hand genügt und schon steigen die Musiker vom imaginären Pedal. Ein ausgestreckter kleiner Finger und schon reckt sich ein Instrumentalist aus dem Kollektiv hervor. Grigory Sokolovs Frau, die bei jedem seiner Konzerte zugegen ist, hat einmal erzählt, dass die Stücke, die ihr Mann ein halbes Jahr lang bei jedem seiner Konzerte spielt, an jedem Abend anders klingen, je nach Laune, je nach Verfassung. Bei Gergiev ist es wahrscheinlich ebenso, mit dem kleinen Unterschied, dass sein tägliches Repertoire viel breiter gestreut ist.       

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