Kritik: Lazarus Wien

Premierenkritik: Schuberts Lazarus: Lost in der Transithalle

Florian Bösch als Simon in „Lazarus“ Foto: Theater an der Wien

(Wien, 11. Dezember 2013) Claus Guth lässt Schuberts Oratoriumsfragment "Lazarus" in der Transithalle eines Flughafens spielen.
Von Derek Weber

(Wien, 11. Dezember 2013) Oratorium und szenische Umsetzung – das ist keine neue Geschichte. Szenisches Oratorium und Schubert, das klingt auf den ersten Blick schon nach Innovation. Am Ende eines solchen Abends hat sich dann aber herausgestellt, dass die Idee, die doch irgendwie zum österlichen Sagenkreis gehörende "Lazarus"-Erzählung zu bebildern, eine enigmatische Kopfgeschichte geblieben ist, auch wenn die selten zu hörende Musik wunderschön ist, aber eben im weiten Teilen so undramatisch, wie sich das Vorurteil Schuberts opern- bzw. passionsnahe Musik imaginiert. Ein ähnlich großer Wurf wie 2008 mit Händels "Messias" ist Claus Guth diesmal nicht gelungen. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass er diesmal immer wieder der Versuchung erlegen ist, im Text angesprochene Bilder (bis hin zum Augenbeträufeln) allzu wörtlich ins Szenische zu übersetzen.
Im Programmhaft erzählt der Regisseur die Vorgeschichte des "Lazarus"-Projekts, das von der Idee den Ausgang genommen habe, Schuberts Chorwerk ins Zentrum einer szenischen Umsetzung zu stellen. Danach habe man seine Opern durchforstet, und schließlich sei man beim unvollendeten "Lazarus" gelandet, dessen Komposition mitten in einer Arie im zweiten Teil des Oratoriums abbricht. Doch – einmal Feuer gefangen – haben Guth und sein Dramaturg Konrad Kuhn Mittel und Wege gefunden, das Oratorium mit anderen Schubert-Kompositionen und zwei Stücken von Charles Ives zu ergänzen. (Etwas Neues also; es gibt ja auch eine vor Jahren von Helmuth Rilling in Auftrag gegebene Vollendung des Werks von Edison Denisov.)
Klarerweise geht es in einem Werk über den wiederauferstandenen Lazarus (dessen Geschichte auch im apokryphen Markus-Evangelium erzählt wird), um den Tod. Und es wäre gewiss eine gute Idee gewissen, den "Lazarus"-Text samt den anderen verwendeten Texten mit ins Programmheft zu nehmen und so die Querverbindungen zu den anderen verwendeten Musikstücken nachlesbar zu machen, zu Schuberts "Nachthelle", "Grab und Mond", dem wie aus einer anderen Welt herüberklingenden kargen Kanon "Dreifach ist der Schritt der Zeit", dem "Wegweiser" aus der "Winterreise" und – gleichsam als letzter Apotheose – dem "Sanctus" aus der Es-Dur-Messe des Komponisten. Auch die beiden Orchesterstücke von Charles Ives ("The Unanswered Question" und "’Saint Gaudens‘ in Boston Commons" aus den "Three Places in New England") haben mit dem Thema "Tod" zu tun.
Aber wie das alles in Bilder und Handlung übersetzen? Und wo die Zäsur des Endes setzen? Daran zeigte sich im Theater an der Wien das Problematische des Projekts. Guth siedelt die "Lazarus"-Geschichte im hellen Transitraum eines Flughafens an, zeigt einen herzinfarkt-gefährdeten  Lazarus, verdoppelt die Figur des Protagonisten, lässt eine wahre Internationale an Passagieren hin- und herwandern (und am Ende katastrophisch Gepäck verlieren). Immer wenn Schuberts Musik zu Wort kommt, frieren die Bewegungen und der sie begleitende Transitlärmpegel ein.
Mittendrin Lazarus´ Schwestern Martha (Stefanie Houtzeel) und Maria (Annette Dasch), letztere schwer traumatisiert, medikamentenabhängig und fahrig, und andere Nebenfiguren wie die Jemina, gesungen von der jungen Çiğdem Soyarslan. Kurt Streit, fast schon ein Dauergast im Theater an der Wien, singt den Lazarus nicht ganz ebenmäßig, aber mit sicherer Stimmführung. Er übertrifft seine Mitsänger, auch Ladislav Elgr als Nathanael, der zwar die kräftigere Tenorstimme hat, aber im hohen Register immer am Rand des Balance-Verlierens agiert. Alle aber verblassen sie im Vergleich mit Florian Böschs Simon, der seiner Rolle ein kantiges, dramatisches Profil gibt und alles Reden vom blassen Kompositionsstil Schuberts Lügen straft. Da ist sofort jenes Leben auf der Bühne, das man einen Akt lang bei all dem kontemplativen Lamento vermisst hat. (Natürlich kommt ihm dabei zugute, dass Schubert hier packende, an die Grenzen des Durchkomponierens gehende Musik geschrieben hat.)
Auch was sich daran schließt, ist szenisch beeindruckend: Ives´ "Unanswered Question" löst sich ins Optische, in jene Nachthelle, auf, die später in Schuberts gleichnamiger Liedszene (wunderbar gesungen vom männlichen Teil des Arnold Schoenberg Chors und dem polnischen Tenor Jan Petryka) beschworen wird.
Aber kaum denkt man, dass hier innerhalb des "Lazarus" l´art pour l´art-nahes szenisches Neuland betreten wird, stellt sich heraus, dass Claus Guth wieder zurück in die Ankunftshalle des Flughafen muss. Die Treppe des Anfangsbildes fährt wieder vor, ein Putztrupp erscheint und das nahe scheinende Ende des Spektakels rückt wieder in weite Ferne. Selbst Florian Böschs Wiederkehr mit dem "Wegweiser" aus der "Winterreise" verstreicht ungenützt. Das Ende naht erst mit dem fulminanten "Sanctus".
Es ist nicht leicht, zu einem Ende zu kommen, wenn man so viel sagen möchte wie Guth. Es geht ihm aber in diesem Fall eben nicht nur das Herz über, sondern auch der Ideentopf des kopflastigen Räsonierens. Zum Schluss wäre weniger ( = kürzer) wohl mehr gewesen.           

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