Kritik: Jörg Widmann Gesprächskonzert

Jörg Widmann: Ich muss es einfach schreiben

Jörg Widmann Foto: Marco Borggreve

In der Autostadt Wolfsburg gab Jörg Widmann bei einem Gesprächskonzert Einblicke in seine Arbeitsweise als Komponist und seine Ästhetik
Von Christina Schmidl

(Wolfsburg, 12. November 2013) Seit 2009 veranstaltet die Autostadt Wolfsburg im Herbst regelmäßig eine Gesprächskonzertreihe, die dem Publikum die Möglichkeit bietet, insbesondere Neue Musik besser kennen und verstehen zu lernen. In diesem Jahr waren bisher u.a. das Klenke Quartett und Wolfgang Rihm zu erleben. Den Abschluss bildete jetzt ein Konzertabend mit dem Münchner Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann, der an diesem Abend sowohl als Musiker – zum Teil begleitet von Oliver Triendl am Klavier – als auch als Komponist zu erleben war und dem Publikum im Gespräch mit dem Kulturjournalisten Felix Schmidt Einblicke in sein Leben als Komponist, Klarinettist und Hochschulprofessor gewährte.

Große Aufmerksamkeit erlangte Widmann im vergangenen Jahr durch seine Oper „Babylon“, die im Oktober 2012 an der Bayerischen Staatsoper in München uraufgeführt wurde. Im Gespräch drückte Widmann sein Bedauern über die "oberflächliche Betrachtung" seiner Werke durch die Musikkritik und Musikwissenschaft aus, die ihm – nicht nur im Hinblick auf seine Oper – den Vorwurf machen, nach dem Motto „Anything goes in der Musik des 21. Jahrhunderts zu komponieren, aber nie hinterfragen würden, was die Gründe für seine kompositorischen Entscheidungen seien. Im Falle von „Babylon“ erregte besonders der Bayerisch-babylonische Marsch (babylonisch verfremdeter Bayerischer Defiliermarsch) große Streitigkeiten. Jazzfan Widmann verteidigte im Gespräch seine Musik; es ginge ihm darum, auch dem Trivialen und Unterhaltenden angemessene Beachtung zu schenken und mit dem "hohen Ton" zu verbinden. Trivialität könne schließlich ein Werk ebenso bereichern wie „ernste Musik“. Zudem tritt Widmann mit einem typischen Künstlerstereotyp, dem Schaffensdrang, dem der Schaffende nicht zu entkommen vermag und sich ergeben muss, für seine musikalischen Schöpfungen ein: „Ich muss es einfach schreiben.“ Und er sei davon überzeugt, dass auch atonale Musik zu Herzen gehen könne. Die Schwierigkeiten des heutigen Komponistendaseins lägen aber laut Widmann darin, sich selbst Grenzen und Regeln setzen zu müssen, die in den vorigen Jahrhunderten durch Kunst- und Musikdoktrinen und dem Zeitgeschmack vorgegeben waren. Doch im Laufe der Zeit hätten sich die Grenzen gelockert, verschoben und aufgelöst und tatsächlich sei heute fast alles möglich.

Was heute alles möglich ist, zeigte Jörg Widmann dann in seiner Fantasie für Klarinette Solo. Sie beginnt mit dem Überlasen von Tönen, sodass ein Zweiklang entsteht und hörbar wird. Es folgen Prestopassagen, die das ganze Tonspektrum der Klarinette ausloten. Dazwischen mischen sich an die „Krekhts“, die Schluchzer in der Klezmermusik, erinnernde Töne, außerdem Quietscher, Flatterzunge und Momente, in denen lediglich die Klappengeräusche zu hören sind. Das Werk ist geprägt von Spielfreude, der Lust am Virtuosen und präsentiert eine gewaltige Bandbreite der Spielmöglichkeiten, die mit dem Instrument realisierbar sind und über die „normale“ Handhabung hinausgehen.

Das Interesse für eine unkonventionelle Instrumentenverwendung entwickelte Jörg Widmann bereits in seiner Kindheit. So sollte ihm seine Schwester (die Geigerin Carolin Widmann) vorführen, wie es klingt, wenn man mit der Holz- anstatt mit der Rosshaarseite über die Saiten streicht und Widmann stellte sich die Frage, warum die Luftgeräusche beim Klarinettenspielen vermieden werden sollten. Heute setzt er sich in seinen Werken genau mit diesen Fragen auseinander, stellt das Ungewöhnliche in den Mittelpunkt seiner Kompositionen und legt auch im Vortrag der selten gespielten Sonate Es-Dur für Klarinette und Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy stellenweise keinen großen Wert darauf, die Luftgeräusche besonders in den Forte-Episoden zu kaschieren. Für ihn sind sie Bestandteil des Klarinettenspiels und damit legitimiert. Ob das gefällt, ist Geschmackssache…

In dieser Mendelssohn-Sonate als auch in den Fantasiestücken für Klarinette und Klavier op. 73 gelingen Widmann und seinem Pianisten Oliver Triendl die Stimmungskontraste hervorragend. Die leisen und ruhigen Passagen überzeugen besonders durch ihre Weichheit, Einfühlsamkeit und Eleganz. Etwas störend beim Zusehen war allerdings mitunter Widmanns überaus ausgeprägter körperlicher Bewegungsdrang. Seine plötzlichen Ausfallschritte und besonders das manchmalige Fußstampfen, das während des Vortrags der eigenen Komposition passend war, war in den romantischen Werken eher deplatziert.

Widmanns Intermezzi für Klavier boten Pianist Oliver Triendl die Möglichkeit, sowohl Einfühlungsvermögen als auch Virtuosität zu zeigen und sich am Stück und am Instrument abzuarbeiten, denn das Werk kulminiert bisweilen in von Aggressivität dominierten Akkordpassagen, sodass sogar das Notenpult des Flügels heftig wackelte und vibrierte und Oliver Triendls körperliche Anstrengung deutlich seh- und hörbar war.

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