Kritik: Freiburger Barockorchester

Konzert-Kritik Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout: Kammermusikalisches Klangbild

Kristian Bezuidenhout Foto: Marco Borggreve

Der Pianist Kristian Bezuidenhout brilliert mit dem Freiburger Barockorchester
Von Christoph Zimmermann

(Köln, 22. Dezember 2013) Das Konzertprogramm des Freiburger Barockorchesters in der Kölner Philharmonie ermuntert zu einer historischen Betrachtung. Die Musikgeschichte kennt eine Fülle von Vorurteilen und Vorverurteilungen, etwa die, dass die „geraden“ Sinfonien Beethoven nicht den gleichen Rang besäßen wie die anderen. Ein eigenes Kapitel in der öffentlichen Wahrnehmung stellen die sogenannten Frühwerke dar, welche man oft genug abtut, ohne einen Rang sui generis anzuerkennen. Im Falle der beiden besonders prominenten Jubilare des auslaufenden Jahres, Giuseppe Verdi und Richard Wagner, hat die Zeit zwar ein verlässliches Urteil gesprochen. Ein Respekt auch vor dem Oeuvre der Entwicklungszeit besteht gleichwohl.
Selbst ein Wolfgang Amadeus Mozart begann als Komponist in Bubenjahren. Als Karl Böhm dessen Sinfonien in den sechziger Jahren mit den Berliner Philharmonikern komplett einspielte, räumte er ein, einen Großteil der Werke bis dato überhaupt nicht gekannt zu haben. Georges Bizets C-Dur-Sinfonie, erst Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten entdeckt, gehört heute zum festen Repertoirebestandteil. Nicht alle Frühwerke haben freilich eine solche Karriere gemacht. Die Sinfonien eins bis sechs von Franz Schubert fand Johannes Brahms nicht einmal der Veröffentlichung wert. Wenn sie heute dennoch eine gewisse Konjunktur besitzen, so auch deshalb, weil sie bei den beliebten enzyklopädischen Unternehmungen der Phonoindustrie zwangsläufig nicht fehlen dürfen. So liegen auch die Sinfonien von Felix Mendelssohn Bartholdy, Anton Bruckner und Peter Tschaikowsky komplett vor, ohne dass man bei Dirigenten (etwa Herbert von Karajan) in Gänze von einer Herzensangelegenheit ausgehen kann.
Der retrospektive Blick bei Mendelssohn hat sich geweitet, seit neben den fünf „reifen“ Sinfonien (von denen Nr. 1 und Nr. 2/“Lobgesang“ auch nicht gerade zu den Programmfavoriten zählen) inzwischen die kompositorischen Gehversuche des zwölfjährigen Genies Beachtung gefunden haben. Alleine die Diskografie der „Streicher-Sinfonien“ ist stattlich angewachsen, seit Kurt Masur mit dem Leipziger Gewandhaus-Orchester 1971 eine erste Gesamteinspielung vorlegte. Es folgen Aufnahmen u.a. mit dem Württembergischen Kammerorchester, Concerto Köln und Festival Strings Lucerne. Auch beim Freiburger Barockorchester wäre eigentlich ein solches Projekt eigentlich fällig.
In Köln spielte es die Sinfonie Nr. 8 D-Dur. Wie auch bei den Schwesternwerken sind Vorbilder auszumachen. Robert Schumann bezeichnete Mendelssohn als „Mozart des 19.Jahrhunderts“, aber man kann in seiner Musik auch barocke Muster ausmachen. Ein kompositorisches Sich-Frei-Schwimmen, mal mehr, mal weniger individuell, doch stets fantasievoll und instrumentatorisch brillant. In der 8. Sinfonie fällt das Adagio völlig aus dem Rahmen. Bei diesem 2. Satz spielen nur tiefe Streicher. Die Geigen sind ausgespart, die Violen dreigeteilt, was bei der kleinen Besetzung des Freiburger Kammerorchesters zu einem regelrecht kammermusikalischen Klangbild führte. Leider gab es gerade hier einige Bewältigungsgrenzen, was am Gesamtbefund eines lockeren, überaus temporeichen um nicht zu sagen: flotten  und transparenten Spiels aber nichts ändert.
Zu Mendelssohn steuerte Kristian Bezuidenhout das Klavierkonzert a-Moll bei, entstanden in der gleichen Zeit wie die Sinfonien. Auch die Folgekonzerte aus der Frühzeit (variable Besetzungen) waren von Felix dem Glücklichen eigentlich nur als Fingerübung gedacht. Und da er es auch nicht auf eine Veröffentlichung abgesehen hatte, blieben die Werke sogar der Wissenschaft lange Zeit verborgen. Die Ausgrabungslust der jüngeren Zeit hat sie jedoch dem Archivschlaf entrissen, auch wenn man sie nach wie vor nur selten zu hören bekommt. Das von Kristian Bezuidenhout gespielte Hammerklavier unterstrich mit seinem mitunter etwas spröden, nachhallarmen Klang den „second hand“-Charakter der Musik ein wenig, aber das machte andererseits auch wieder ihren Charme aus. Den holte der junge südafrikanische Pianist auch mit seinem nuancierten Anschlag aus dem Werk heraus.
Mendelssohn hat bei einigen seiner Jugendwerke freigestellt, die Orchesterbesetzung mit Bläsern und Pauken anzureichern, Mozart schrieb sie stets verbindlich vor. Beim F-Dur-Klavierkonzert KV 413 sind diese Stimmen allerdings nicht sonderlich individuell gestaltet, so dass man sie sogar ohne Wirkungseinbuße fortlassen könnte. Die Freiburger entschieden sich aber natürlich für die authentische Besetzung, und ein gewisser Farbwert ist ja auch nicht zu leugnen. Bei diesem Werk bestach neuerlich Kristian Bezuidenhouts graziöses, perlendes Spiel und seine sensible Agogik.
Anfang Dezember war das Freiburger Barockorchester in der Philharmonie mit Mozarts „Nozze di Figaro“ zu Gast gewesen; René Jacobs dirigierte. Bei weniger aufwändigen Werken reicht es dem bestens aufeinander eingespielten Ensemble jedoch, wenn Weisungen vom Konzertmeisterpult kommen, wo entweder Petra Müllejans,  Gottfried von der Goltz oder – wie jetzt – Anne Katharina Schreiber sitzen. Selten hat man die Sinfonie KV 550 in Mozarts „Trauer“-Tonart g-Moll derart beschwingt, ja fröhlich gehört wie an diesem Kölner Abend. Dem Andante gaben vor allem die in der Tiefe leicht schnarrend klingenden Naturhörner aparte Farben, im Menuett beeindruckte das getupfte Streicherspiel.

 

 


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