Kritik: Franz Welser Möst Köln

Konzertkritik Welser-Möst mit dem Cleveland Orchestra: Beethovens etwas ruppiger Humor

Franz Welser-Möst Foto: Roger Mastroianni

Das Cleveland Orchestra überzeugte unter der Leitung von Franz Welser-Möst auf seiner Tournee in Köln mit Werken von Beethoven und Schostakowitsch.
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 17. November 2013) Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst hatte eine für ihn einschneidende Begegnung mit der Musik Dmitrij Schostakowitschs, welche stattfand, als er 14 Jahre alt war. Von der Musik des Russen noch völlig unbeleckt, hörte er die Leningrader Philharmoniker unter Jewgenij Mrawinskij mit der fünften Sinfonie. "Das war, als ob ein Panzer über mich gerollt wäre." Erst recht wusste der adoleszente Welser-Möst damals nichts um die politischen Hintergründe bei diesem Werk. Aber er spürte wohl intuitiv den tragischen Aufschrei und den Schmerz dieser Musik.
Längst ist bei Franz Welser-Möst die einstige Naivität einem profunden Wissen um den vermutlich noch immer nicht in Gänze zu greifenden Schostakowitsch gewichen. Fest steht jedoch, dass der durch das Verdikt "Chaos statt Musik" schon früh gebrandmarkte Komponist die innere Emigration wählte, um im wahrsten Sinne des Wortes Leib und Leben zu sichern. Er bleib ja auch ständig im Visier, weil ihn die UdSSR trotz aller Anfeindungen weiterhin als Aushängeschild betrachtete.
Manche Hintergründe bei den Werken Schostakowitschs dürften, selbst wenn sie als offiziell bzw. authentisch gelten, ideologisch gefärbt oder nicht ausreichend genug gesichert bzw. nur vage interpretiert sein. Manchmal lassen sich Fehldeutungen aber auch historisch korrekt benennen. Die siebte Sinfonie beispielsweise wurde noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion konzipiert, aber dennoch "Leningrader" getauft. Ihr verheißungsvoll wirkendes Finale fehlt der in Köln gespielten achten Sinfonie. Die Musik endet zwar in einem ätherischen Dur, aber dieses klingt nicht befreit, nicht wirklich geglaubt, sondern fragil und zweifelnd. Das Werk wurde denn auch von der offiziellen Politik geächtet und zeitweilig sogar dem öffentlichen Konzertleben entzogen.
Eine Interpretation kann sicher keinen hieb- und stichfesten Beweis von wirklich Gemeintem, von unterschwelligen Gefühlen liefern, wohl aber nahe liegende Intentionen unterstreichen. Franz Welser-Möst tat dies mit Kraft und Nachdruck, ohne sich dabei gestisch als Ekstatiker zu gebärden. Das wahrhaft superbe Cleveland Orchestra, das er seit 2002 leitet, kam seinen Weisungen minutiös nach. Es spie die von massivem Schlagzeug grundierten Crescendi in den Schlusssätzen geradezu vulkanisch hervor, um an anderer Stelle in einem fast unhörbaren Pianissimo zu verdämmern. Auf einem solch fragilen Streicherteppich machte das lange Solo des Englischhorn (im ersten Satz) natürlich besondere Wirkung – ein beklemmendes Lamento, welches freilich auch etwas Tröstliches an sich hatte. Dennoch überwiegen bei der Sinfonie die Zeichen von Verzweiflung und Klage. Lange hielt Franz Welser-Möst am Schluss die Arme erhoben, um voreiligem Applaus abzuwehren. Aber dann brandete er umso heftiger auf.
Zuvor hatte er schon Beethoven gegolten, dem Welser-Möst eine sehr konturenklare, rhythmisch vibrierende und dynamisch voll ausgereizte Interpretation angedeihen ließ. Der Dirigent sieht die "Vierte" durchaus im Zusammenhang mit der "Eroica" und der "Schicksals"-Sinfonie, auch wenn dezidiert "politische" Signale in Opus 60 nicht auszumachen sind. Aber die wie im Dunkel suchende Adagio-Introduktion hat Auswirkungen, selbst dann noch, wenn Beethovens etwas ruppiger Humor Platz greift. Welser-Möst versagte den Figurationen des Hauptthemas klassizistische Freundlichkeit, ließ sie quasi wie Blitze durch den Raum funkeln. Die ersten Violinen engagierten sich mit besonderer Verve. Im Adagio wiederum bewies das Orchester seinen oft gelobten Schönklang, zumal bei den Holzbläsern. Das Finale wirbelte virtuos dahin. Ein Abend mit Gemeinsamkeiten und Kontrasten -interpretatorisch top.

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