Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung 2018

Clara Iannotta, Timothy McCormack und Oriol Saladrigues erhalten 2019 die Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung

Die drei Komponisten-Förderpreise der Ernst von Siemens Musikstiftung gehen 2018 an die in Berlin lebende Italienerin Clara Iannotta, den US-Amerikaner Timothy McCormack und den Katalanen Oriol Saladrigues. Die Auszeichnung für vielversprechende junge Komponisten ist jeweils mit 35.000 Euro dotiert. Zudem erhalten die jungen Künstler eine nach ihren individuellen Wünschen produzierte Porträt-CD. Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt 2018 erneut insgesamt 3,5 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Davon entfallen 3,2 Millionen auf die Unterstützung von Projekten im Bereich der zeitgenössischen Musik weltweit. Den mit 250.000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis erhält der österreichisch-schweizerische Komponist Beat Furrer.

Begründungen der Jury:

„Die vielbemühte Rede von der Grenzüberschreitung ist im Fall der Musik Clara Iannottas, geboren 1983 in Rom, keine bloße Metapher sondern zutreffende Tatsachenbeschreibung. Für ein aktuelles Werk lotet sie gemeinsam mit der Bildenden Künstlerin Anna Kubelík die Zusammenhänge zwischen realem und musikalischem Raum aus. Generell ist ‚Raum‘ einer der zentralen Begriffe, wenn es um die Musik der in Berlin lebenden Italienerin geht. Ihre Kompositionen sind häufig Räumen gleich, die sich der Hörer erst nach und nach erschließt – in ihnen überwiegen Textur und Oberflächengestalt Serialität. Entsprechend erklärt die Komponistin auch, dass einer der für sie glücklichsten Momente beim Komponieren sei, „wenn es mir gelingt, das Bild von Raum und Klang, das ich im Kopf hatte, physisch wiederzugeben“. Iannotta berichtet, dass sie als Kind ihr Spielzeug häufig selbst herstellte. So lernte die Komponistin spielerisch, bereits Existierendes auf seine Verwendbarkeit in anderen Kontexten zu überprüfen. Heute verwendet sie ihr Instrumentarium oft scheinbar kontraintuitiv – fantasievoll und getragen von experimenteller Sensibilität.

Clara Iannotta, Berlin, Herbst 2017 | EvS Musikstiftung, Foto: Manu Theobald

Iannotta hat in Mailand und Paris, am IRCAM, sowie in Harvard bei Alessandro Solbiati, Frédéric Durieux und Chaya Czernowin studiert. In jüngster Zeit sind unter anderem Auftragswerke für Quatuor Diotima, Ensemble intercontemporain, Münchener Kammerorchester, Neue Vokalsolisten Stuttgart, Arditti Quartet und Ensemble Nikel entstanden. Sie war 2013 als Stipendiatin Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Iannotta erhielt zahlreiche Preise, darunter der Hindemith-Preis 2018, der Berlin-Rheinsberger-Kompositionspreis, der Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart sowie das Stipendium Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. Seit 2014 ist sie künstlerische Leiterin der Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik.

Die Musik des 1984 geborenen US-Amerikaners Timothy McCormack teilt sich dem Hörer vor allem als Spannungszustand mit – als Interaktion von Organismen oder als Aufeinanderprallen von Materie. So stellt McCormacks Stück KARST (2015/16) explizit eine Referenz zur Geologie her: Der Titel beschreibt das Aufeinandertreffen von angesäuertem Wasser und Gestein. Eine weitere Inspirationsquelle für McCormack ist der Tanz und damit das Interagieren von Mensch und Mensch. Der Titel seines Werkes you actually are evaporating (2011/12) geht auf William Forsythe zurück, dessen Arbeiten den Komponisten stark beeinflusst haben. McCormack studierte zeitgenössischen Tanz bei der ehemaligen Forsythe-Tänzerin und -Mitarbeiterin Jill Johnson. Forsythe gibt seinen Tänzern lediglich einen choreografischen Rahmen vor und lässt sie ansonsten frei interagieren. Das Tanzstudium habe McCormack „das exakte Gegenteil dessen gelehrt, was ich über Jahre hinweg studiert habe“, sagt der Komponist. „Es hat meine musikalische Agenda von Grund auf verändert. Vielmehr: Es hat mich dem näher gebracht, was ich als Komponist schon immer sein wollte.“ McCormacks Partituren sind entsprechend vielmehr Anweisungen für Aktionen als für exakte Klangresultate.

Timothy McCormack, Boston, Winter 2017 | EvS Musikstiftung, Foto: Manu Theobald

Timothy McCormack ist Doktorand in Harvard, wo er bei Chaya Czernowin studiert. Zuvor studierte er in Huddersfield bei Aaron Cassidy und Liza Lim sowie bei Lewis Nielson und Randolph Coleman Oberlin Conservatory of Music. Von 2014 bis 2017 war McCormack Direktor der Harvard Group for New Music. Für sein Stück you actually are evaporating erhielt er den George Arthur Knight Prize der Universität Harvard 2014. Ebenfalls durch die Universität Harvard erhielt er 2017 das John Green Stipendium für sein „vielversprechendes Talent als Komponist“. Außerdem gewann er den Internationalen Impuls Kompositionswettbewerb verbunden mit einem Kompositionsauftrag des Klangforum Wien.

Zeit, ihre Wahrnehmung sowie die Kommunikation in und durch Musik sind zentrale Elemente im Werk des 1975 in Barcelona geborenen Oriol Saladrigues. Zahlreiche Werke des Komponisten sind geprägt durch wissenschaftlichen Forschergeist. Dass Saladrigues auch ein naturwissenschaftliches Studium abgeschlossen hat – als Chemietechniker – ist spürbar. Nicht nur hat er „die Art und Weise, Probleme zu lösen“ aus der Naturwissenschaft in sein Schaffen als Komponist übertragen, sondern er verstehe dadurch auch „die Physik des Klanges besser“. Dennoch ist seine Musik keineswegs hermetisch sondern hochgradig kommunikativ und anschlussfähig, oft buchstäblich sprachlich. Kompositionen wie Presse (2011) für sieben Stimmen, Orchester und Live-Elektronik operieren zwar auch mit dem reinen Klang von Sprachlauten, wenden sich aber darüber hinaus mit einer klaren Aussage an die Zuhörer.

Saladrigues studierte Komposition unter anderem bei Josep Soler, Luis Naón, Horacio Vaggione, José Manuel López López, Yan Maresz, Michael Jarrell und Ivan Fedele. Er wurde von zahlreichen Institutionen gefördert wie der Fundació La Caixa, Fundación Caja Madrid, Academia Española en Roma und Generalitat de Catalunya.
Seit 2013 lebt und arbeitet Oriol in Paris, wo er am Conservatoire national supérieur de musique et de danse unterrichtet. Er war 2012 Mitbegründer des Festival Mixtur in Barcelona, als dessen Künstlerischer Co-Direktor er seither fungiert.“

Porträt-CDs
Die Komponisten-Förderpreise sind jeweils dotiert mit 35.000 Euro. Zudem erhalten die jungen Künstler eine in enger Absprache entwickelte und aufwändig produzierte Porträt-CD. Die Tonträger, die regelmäßig von herausragenden Solisten, großen Orchestern und namhaften Ensembles für zeitgenössische Musik eingespielt werden, erscheinen Ende 2018.

3,2 Millionen Euro Fördergeld für zeitgenössische Musikprojekte weltweit
Die Ernst von Siemens Musikstiftung vergibt 2018 erneut eine Gesamtsumme von 3,5 Millionen Euro an Preis- und Fördergeldern. Davon entfallen rund 3,2 Millionen auf die Förderung von 120 Projekten weltweit – von Kolumbien bis Slowenien: In Bogotá erfährt ein Kompositionsauftrag an Juan Pablo Carreño Unterstützung, in Ljubljana fördert die EvS Musikstiftung das Festival Slowind zum wiederholten Mal. Der größte Anteil der Fördergelder finanziert und unterstützt Kompositionsaufträge – beispielsweise an José María Sánchez-Verdú, Ulrich Alexander Kreppein, Toshio Hosokawa oder Hans Thomalla. Die EvS Musikstiftung unterstützt Konzerte auf großen und kleinen Bühnen, wie das MULTIVERSUM in der Elbphilharmonie, in dessen Fokus 2018 George Benjamin steht, eine Konzertreihe zum 50-jährigen Bestehen der London Sinfonietta, die Monday Evening Concerts in Los Angeles sowie die Konzerte des jungen österreichischen Volkalensembles Cantando Admont. Darüber hinaus werden auch 2018 wieder zahlreiche Festivals, Akademien und Vermittlungsprojekte unterstützt.

Preisverleihung am 3. Mai 2018 im Münchner Prinzregententheater
Die drei Komponisten-Förderpreisträger sowie der Ernst von Siemens Musikpreisträger, Beat Furrer, werden am 3. Mai im Münchner Prinzregententheater geehrt. Thomas Angyan, Kuratoriumsvorsitzender der EvS Musikstiftung und Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, überreicht den drei jungen Komponisten ihre Preise bei einem musikalischen Festakt. Das Klangforum Wien spielt unter der Leitung von Beat Furrer Clara Iannottas troglodyte angels clank by, Timothy McCormacks karst survey sowie ein für die Preisverleihung entstandenes Werk von Oriol Saladrigues.
Der mit 250.000 € dotierte Ernst von Siemens Musikpreis wird Beat Furrer durch den Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Michael Krüger, überreicht. Das Klangforum Wien spielt Furrers canti della tenebra. Die Laudatio auf Beat Furrer hält Thomas Macho, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften Wien.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.