Kammermusikwoche Elmau

Spielst Du um Schönheit?

Carolin Widmann Foto: Kaskara / Martin Stadtfeld Foto: SonyMusic

Carolin Widmann Foto: Kaskara / Martin Stadtfeld Foto: SonyMusic

Eindrücke von der 55. Internationalen Kammermusikwoche auf Schloss Elmau

(Elmau, im Januar 2010) Als Bach-Interpret genießt der deutsche Pianist Martin Stadtfeld mittlerweile weltweit Anerkennung, vor allem solistisch oder mit Orchester. Jetzt hat er sich zusammen mit dem Cellisten Jan Vogler die nicht ganz so bekannten Gambensonaten des großen Bach vorgenommen. Stücke, die ein genaues Aufeinanderhören erfordern. Wobei man beim Live-Auftritt des Duos den Eindruck hatte, dass Stadtfeld um einiges mehr auf seinen Kammermusikpartner eingeht als umgekehrt. Die CD mit den Sonaten gleicht den Eindruck jedoch etwas aus. Während Vogler fast durchgängig eher forciert zu Werke ging, bemühte sich Stadtfeld um Nuancierungen im Anschlag und dynamische Abstufungen.
Neu ist kammermusikalisches Musizieren für Martin Stadtfeld nicht, auch wenn dies die erste Kammermusik-CD des Pianisten ist.
Im Gespräch erzählt Stadtfeld, dass er schon als 12-Jähriger mit einem befreundeten Sänger Lieder von Schubert begleitet hat und dass das eine wichtige Schule gewesen sei.

Die Internationale Kammermusikwoche auf Schloss Elmau bot in ihrer 55. Ausgabe ein breites Spektrum an Stilen und Namen – darunter das Berliner Kuss-Quartett, das mit ungemein homogen gestalteten Streichquartetten von Beethoven (op. 135) und Brahms (Nr. 3, B-Dur) das Publikum beeindruckte oder der phänomenale Bariton Christian Gerhaher, dessen Interpretationen von Liedern von Gustav Mahler mit Klavierbegleitung zweifellos zum besten gehören, was Liedgesang derzeit zu bieten hat.
Zusammen mit seinem kongenialen Begleiter Gerold Huber gestaltete Gerhaher Mahlers weltschmerzsüße Trauer- und Abschiedsgesänge zu bewegenden psychologischen Studien, ohne dass man jemals den Eindruck des Akademischen hätte. Wobei es Gerhaher mit dem Weltschmerz auch schon mal etwas übertreibt, wenn er selbst im Freundlich-Hellen voller Schwermut bleibt. In "Liebst Du um Schönheit" oder "Ich atmet‘ einen linden Duft" hätte der Sänger durchaus ein wenig versöhnlicher klingen dürfen. Das wäre wohl selbst Mahler etwas zu negativ gewesen…

Herausragend sowohl in der Programmkonzeption als auch in der musikalischen Gestaltung war das Konzert der aus München stammenden Geigerin Carolin Widmann, die barocke Violinsonaten von Bach, Benda und Veracini mit Capricen von Salvatore Sciarrino aus den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kombinierte und dabei verblüffende und faszinierende Bezüge deutlich werden ließ. Sowohl in den Barockwerken als auch in den Capricen Sciarrinos spielen Verzierungen und ornamentale Umspielungen eine wichtige Rolle. So schimmert die Barockmusik durch Sciarrinos Stücke immer wieder hindurch wie Erinnerungen an eine ferne Zeit, manchmal entschwebt eine barocke Phrase im Flageolett der Geige als würde sie der Wind leise und bruchstückhaft über die Straße wehen. Carolin Widmann spielte das mit ungeheurer Präzision und Ausdruckstiefe, gleichermaßen versiert in barocker Spielpraxis mit feinem, quirligem Geigenton als auch in der modernen, ungemein virtuosen Spieltechnik Sciarrinos. Für die Barockstücke wählte sie sich als Begleiter den fantastischen Cembalisten Naoki Kitaya. Ein aufregendes Konzert, das man jedem Konzertveranstalter nur ans Herz legen kann.

Dagegen wirkten die Bearbeitungen von Brahms-Liedern, die Nils Mönkemeyer als "Repertoire-Neuheiten" für Viola und Klavier darbot schon arg populär, um nicht zu sagen anbiedernd. Dabei ist Mönkemeyer ohne jeden Zweifel ein ganz hervorragender Bratscher mit einem ansprechenden Ton und feinem musikalischen Gespür, was man beispielsweise in den späten "Märchenbildern" von Schumann für Viola und Klavier (op. 113) wunderbar  hören konnte.

Eine wirkliche Entdeckung dieser hochkarätig besetzten Kammermusikwoche war auch das Berliner Boulanger Trio, benannt nach den beiden so wichtigen französischen Musikdamen Naja und Lili Boulanger. Obgleich erst 2006 gegründet, wirkt das Spiel der drei Damen so als spielten sie schon seit einer halben Ewigkeit zusammen, was wohl daran liegt, dass jede der Musikerinnen davor schon viel Kammermusikerfahrung gesammelt hat. Auffällig bei diesem Trio ist sein bei aller Klarheit der Stimmen dezidiert romantische Tonfall etwa in Schumanns erstem Klaviertrio (d-Moll, op. 63) oder auch in Schönbergs "Verklärter Nacht", die der Komponist und Schönberg-Schüler Eduard Steuermann zum Klaviertrio umgearbeitet hat. Mit ganz selbstverständlicher Sicherheit changierten die Musikerinnen hier zwischen romantischem und impressionistischem Tonfall, ebenso in "D’un matin de printemps" von Lili Boulanger – wer sonst spielt schon mal Musik dieser Komponistin?

Abgerundet wurde die Woche durch einen Auftritt Gidon Kremers – nicht als Geiger, sondern als Autor! Drei autobiographische Bücher sind von ihm bislang erschienen, in denen Kremer mit viel sprachlichem Gespür und auch Witz seine alles andere als lustige Lebensgeschichte in Ausschnitten erzählt.
In Elmau las Kremer daraus vor, nicht ohne sich im Gespräch davor und danach über den aktuellen Musikbetrieb im allgemeinen und über die Unterschiede zwischen Künstlern und Musikdarstellern im besonderen kritisch und mit entwaffnender Ehrlichkeit zu äußern.
Nächste Woche ist Kremer auf Schloss Elmau dann auch als Geiger zu erleben. Zusammen mit seiner Kremerata Baltica wird er eine Woche lang Konzerte geben.
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