Kammermusikwoche Elmau 2011

Dr. Schumann und trompetender Engel

Eric Le Sage Foto: Solea Management

Eindrücke von der 56. Internationalen Kammermusikwoche auf Schloss Elmau

(Elmau, 9.- 12. Januar 2011) Für sein Beethoven-Programm bei der Kammermusikwoche auf Schloss Elmau hat der französische Cellist Jean-Guihen Queyras seinen traditionellen Klavierbegleiter Alexandre Tharaud gegen den fulminanten russischen Pianisten Alexander Melnikov ausgetauscht. Auch dass Queyras drei Sonaten von Ludwig van Beethoven (op. 5, Nr. 1, op. 69 Nr. 3, op. 102 Nr. 2) hintereinander ohne Pause an einem Abend präsentierte, erforderte einigen Mut. Doch die ungezwungene Atmosphäre dieses hochkarätigen, aber dennoch alles andere als steifen Festivals ermöglicht es den Musikern hier neue Werke, Werk-Kombinationen oder neue Musizierpartner auszuprobieren. Der feine, ja feingeistige Celloton von Queyras stand gewiss ein wenig im Kontrast zur zupackenden Spielweise Alexander Melnikovs – doch Kontraste spielen ja auch in Beethovens Musik eine wesentliche Rolle, und so entstand eine spannende und energiegeladene Auseinandersetzung mit diesen drei überaus anspruchsvollen Werken.

Einheitlicher, geschlossener war das Klangbild bei den beiden russischen Musikern Ilya Gringolts und Peter Laul, die sich tags darauf der Herausforderung stellten, die drei Violinsonaten von Robert Schumann nacheinander aufzuführen. Gringolts strahlender, kraftvoller Ton verband sich auf geradezu ideale Weise mit dem markanten Spiel von Laul am Flügel.

Das Schumann-Highlight bot allerdings der französische Pianist Eric Le Sage, der lediglich als Einspringer für den erkrankten Jean-Yves Thibaudet nach Elmau kam und mit einer über die Maßen faszinierenden Interpretation von Schumanns Humoreske B-Dur und vor allem mit den Symphonischen Etüden (op. 13) einen fulminanten Schlussakzent zum gerade zu Ende gegangenen Schumann-Jahr setzte.
Le Sage, der beim Label Alpha alle(!) Klavierwerke Schumanns auf CD eingespielt hat – inklusive der Kammermusikwerke – ist tatsächlich so etwas wie eine Instanz in Sachen Schumann. Nicht nur aufgrund der unglaublichen Werkkenntnis und intensiven Beschäftigung mit diesem Komponisten, sondern auch weil seine Interpretationen mit einer Ausdruckstiefe und gestalterischen Vielfalt in den musikalischen Kosmos Schumanns eintauchen, die man derzeit wohl kaum bei einem anderen Pianisten zu hören bekommt. Bei den Symphonischen Etüden etwa schafft es Le Sage, das Klavier wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen, mit (fast) allen den darin Klangfarben. In Elmau schüttelte er das enorm anspruchsvolle Werk und die kaum minder schwere Humoreske nur so aus dem Ärmel (und ließ sich nicht einmal von einem die Schmerzgrenze touchierenden Pfeifen eines Hörgeräts aus der Ruhe bringen.)

Tags zuvor konnte man ein Familienkonzert der besonderen Art erleben: Der phänomenale Klarinettist und Komponist Jörg Widmann spielte zusammen mit seiner Schwester, der Geigerin Carolin Widmann, und dem Pianisten Oliver Triendl Werke in unterschiedlicher Besetzung, darunter Bartoks vom Jazz inspirierte "Kontraste" für Violine, Klarinette und Klavier. Und Carolin Widmann exerzierte drei der experimentierfreudigen Etüden für Violine solo ihres Bruders.

Nicht wirklich überzeugen konnte die junge russische Geigerin Alina Pogostkina. Wer Brahms‘ Sonate Nr. 1 (G-Dur) so wenig konturiert, ja verwaschen darbietet, sollte lieber noch ein wenig zuwarten, bis er sich auf die Podien dieser Welt wagt. Da hilft auch das nette Aussehen und die großzügig zur Verfügung gestellte Stradivari nicht viel.

A propos nettes Aussehen. Helau, die Klassik-Welt ist um einen trompetenden Rauschgoldengel reicher. Das blonde englische Trompeten-Wunder Alison Balsom hat eine beinahe gleich aussehende norwegische Schwester bekommen: Tine Thing Helseth, Jahrgang 1987. Mit Bearbeitungen etwa von Liedern ihres Landsmanns Edvard Grieg ist Helseth in Norwegen längst weltberühmt und ihre internationale Karriere zweifellos programmiert. Helseth spielt mit einer natürlichen Musikalität und entlockt ihrer Trompete selbst Spitzentöne mit einer Leichtigkeit, dass man meint sie spiele Blockflöte.
Das Festival auf Schloss Elmau dauert noch bis einschließlich Samstag, u.a. mit dem Bariton Christian Gerhaher, der Geigerin Vilde Frang und dem Pianisten Michail Lifits.

Robert Jungwirth

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