Jiri Belohlávek

Liszt – allein zu Haus

BBC Symphony unter seinem Chefdirigenten Jiri Belohlávek mit Schostakowitsch und Liszt zu Gast in Köln
(Köln, 23. November 2011) Vor einiger Zeit konnte das Publikum (live wie im Fernsehen) bei Jiri Behlolávek auch Entertainerqualitäten zur Kenntnis nehmen, nämlich bei Gelegenheit eines "Last Night"-Konzertes der Londoner Proms. Diese Veranstaltungen liegen traditionell in der orchestralen Verantwortung des BBC Symphony Orchestra. Ihm steht Belohlávek seit 2006 als Chefdirigent vor. Es hat freilich Logik, dass er im kommenden Jahr an das Pult der Tschechischen Philharmonie zurückkehrt, liegen die Wurzeln seiner Karriere doch in Prag. Für den Böhmen Belohlávek war es zweifellos stimmig, den Gastspielabend in der Kölner Philharmonie mit einer furiosen Interpretation der Ouvertüre zu Bedrich Smetanas "Verkaufter Braut" zu beenden, auch wenn nach einem elegischen Mendelssohn als erster Zugabe und nach der 15. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch ein anderer Tonfall hätte erwartet werden können.
In Böhmens Hain und Flur bewegte sich zunächst auch Antonin Dvoraks sinfonische Dichtung "Das goldene Spinnrad". Man darf sich schon ein wenig wundern, wie stark den Komponisten grausame Sujets anzogen. "Mittagshexe", "Waldtaube" und "Wassermann" deuten schon im Titel Unheil an. Auch das "Spinnrad" enthält Grausames. Eine böse Frau möchte die Heirat eines jungen Königs mit ihrer schönen Stieftochter hintertreiben und statt dieser ihre leibliche Tochter auf dem Thron sehen. Beide verstümmeln die Auserkorene und täuschen den König mit falschen Gliedmaßen und Augen. Ein Zauberer erwirbt diese durch das Geschenk eines Spinnrads wieder zurück, und das Drama kommt zu einem glücklichen Ende. Gustav Mahler verarbeitete in seinem  "Klagenden Lied" Ludwig Bechsteins Märchen vom "Singenden Knochen" entschieden fatalistischer.
Dvorak hat Karel Jaromir Erbens Erzählung mit seinen reichen und heterogenen Stimmungen in wundervolle, inspirierte Musik gebettet, welche den Hörer wie durch ein Bilderbuch blättern lässt. Die Situationen der Geschichte treten unverblümt und direktfarbig vor Ohr und (inneres) Auge. Jiri Belohlávek weiß bei dieser sinfonischen Dichtung offenkundig um jede Note, und so waren beim fulminanten Spiel des BBC Symphony auch kleinste instrumentale Verästelungen plastisch wahrzunehmen.
Die Sinfonie Nr. 15 von Dmitri Schostakowitsch stand zu diesem Werk in denkbar schärfstem Gegensatz. Seit seine frühe Oper "Lady Macbeth von Mzensk" mit dem Stalin-Verdikt "Chaos statt Musik" belegt wurde, schrieb Schostakowitsch sozusagen "zweisprachig". An der Oberfläche gibt es Einiges an Pomp und Gloria, im Untergrund glüht indessen ein unterdrücktes Ich, bricht sich kreatürliche Angst vor der Gefährdung von Leib und Leben Bahn. Persönliche Todesfurcht kommt hinzu. Grimassierendes (im ersten Satz u.a. ausgedrückt durch Zitate aus Rossinis "Tell"-Ouvertüre)und Jahrmarkthaftes (Mahler und Igor Strawinsky könnten Pate gestanden haben) und echte Trauerhinweise (Wagners Schicksalsmotiv aus dem "Ring")  verdichten sich zu einem Rätsel-Mosaik, von dem manche Details bis heute nicht entschlüsselt sind.
Ob Jiri Belohlávek für sich alle gelöst hat? Er bot mit seinem Orchester ein schillerndes Notenpanorama von stark kontrastierender Emotionalität, bei dem man sich gewissermaßen an die Hand genommen fühlen konnte. Das BBC Symphony fand reiche Gelegenheit, seine Qualitäten auch per Gruppe und Solo unter Beweis zu stellen.
Franz Liszts in die Programmitte platziertes zweites Klavierkonzert stand freilich keineswegs im Mittelpunkt. Jean-Yves Thibaudet hat es hierorts im September überzeugend gegeben, das erste Konzert bot im Oktober Lang Lang. Diesen Interpretationen vermochte der junge Nikolai Tokarev nur wenig entgegenzustellen. Sein Spiel geriet (trotz kontinuierlicher Steigerung) eher akkurat als beflügelt, eher akribisch als entflammt. Auch Orchester und Dirigent waren bei Liszt trotz überzeugender Details nicht ganz zu Hause. 
Christoph Zimmermann

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