Jenufa in Köln

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Die Liebe siegt

Foto: Klaus Lefebvre

Katharina Thalbach haucht der Kölner Oper mit Janáceks „Jenufa“ neues Leben ein
(Köln, 28. April 2007) Ach, diese Familienverhältnisse! Katharina Thalbachs Stimme seufzt aus den Lautsprechern. Bevor die Ouvertüre zu Leos Janáceks „Jenufa“ erklingt, gibt die Schauspielerin und Opernregisseurin einen Überblick, wie da wer mit wem im mährischen Bauerndorf zusammen hängt, -lebt, -liebt und mordet.
Katharina Thalbach hat sich als Musiktheaterregisseurin etabliert. Längst gelingen ihr nicht nur die heiteren Stoffe. Die Menschlichkeit und das Gespür für Brüche in Charakteren, die sie als Schauspielerin auszeichnen, vermittelt sie den Opernsängern auf zum Teil umwerfende Weise. Die Küsterin Buryja hat Jenufas uneheliches Kind ermordet, um ihr eine Ehe mit dem grobschlächtigen aber großherzigen Laca zu ermöglichen. Sie redet sich selbst ein, das Richtige getan zu haben. Aber in dem Moment, als sie den beiden ihren Segen geben will, packt die Küsterin der Wahnsinn. Und in den Augen der wieder einmal großartigen Dalia Schaechter scheint die Welt zu gefrieren. Dann brechen die Türen und Tore der dunklen, holzvertäfelten Hütte auf. Schneemassen wälzen sich heran. Die menschliche Seele macht nicht mehr mit, die Küsterin zerbricht. Momme Röhrbeins Bühnenbild und Dalia Schaechters überwältigendes Spiel ergänzen sich zu einer Szene, die man nicht so schnell vergessen wird.
Katharina Thalbach nimmt die Hauptfiguren sehr ernst. Dass die Küsterin Jenufas Baby tötet, erscheint aus ihrer Sicht zwingend logisch. Und auch Kindsvater Steva (Hans-Georg Priese mit heldischem Tenorformat), der Verführer und Nichtsnutz, ist im Prinzip ein armer Kerl, der nicht aus seiner Haut kann. Niemand in diesem Dorf will wirklich etwas Böses, es sind eben die verflixten Verhältnisse und die fehlende Fähigkeit, sich über sie hinwegzusetzen. Dass dieses am Schluss gelingt, ist einer der schönsten Momente der gesamten Opernliteratur. Dem Tod, allen seelischen und körperlichen Verletzungen trotzend wagen Jenufa und Laca die Liebe. Keinen romantischen Rausch, sondern eine Entscheidung füreinander im Wissen um alle Macken und Wunden. Katharina Thalbach gönnt den beiden ein filmisches Finale. Hand in Hand gehen sie als Schattenbilder in den Bühnenhintergrund, schauen in den Himmel, nehmen sich in den Arm, der Vorhang fällt. Emotion pur, wunderschön.
Markus Stenz dirigiert Janáceks hinreißend aus Sprache und Szene heraus blühende Musik blitzsauber. Manchmal könnte er sich mit dem ausgezeichnet spielenden Gürzenich-Orchester etwas mehr in die Extreme wagen. So wie es Dalia Schaechter vormacht, die als Küsterin zwischen dramatischem Wahn, lyrischem Leuchten und heiserem Brüllen virtuos wechselt. Die irische Sopranistin Orla Boylan ist eine nuancierte, lebensechte Jenufa, Ray M. Wade jr. ein stämmig-stimmiger Laca. Nachdem sie lange in der künstlerischen Bedeutungslosigkeit versunken war, meldet sich die Kölner Oper mit dieser „Jenufa“ zurück. Katharina Thalbach wird dort weiter arbeiten und beim nächsten Mal wieder Musiktheater-Neuland erobern. Im Februar 2008 wird sie die Uraufführung von „Rotter“ inszenieren, einer Oper nach dem Stück von Thomas Brasch, die Geschichte eines Mannes, der Nazi-Deutschland und die DDR erlebt.
Stefan Keim
Termine: 4., 6., 11., 13., 16., 18. und 20. Mai. Kölner Oper. Karten: 0221 – 221 28400. Internet: www.buehnenkoeln.de

Foto: Klaus Lefebvre

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