Jeanne d'Arc

Graben nach Jeanne d’Arc

Audrey Bonnet als Jeanne d’Arc Foto: Stofleth

Romeo Castellucci inszeniert eigensinnig-beeindruckend in Lyon „Jeanne d’Arc au bucher“ von Arthur Honegger, am Pult ist Kazushi Ono
Von Robert Jungwirth
(Lyon, 21. November 2016) Der Anfang könnte auch von Christoph Marthaler inszeniert sein. In einem altertümlichen Klassenzimmer mit abblätternder, hässlich grüner Wandfarbe und flackernder Neonbeleuchtung ist gerade Schulschluss. Die Schüler stürmen nach draußen, während ein Hausmeister in Zeitlupentempo Ordnung macht. Das heißt, zunächst macht er Ordnung, bis er innehält und plötzlich allergrößte Unordnung verursacht, Stühle und Tische auf einen Haufen wirft, die Tafel von der Wand reißt und den Bodenbelag wegzerrt. Und dann auch noch die darunterliegenden Bodenbretter und immer weiter nach unten, bis er mit den bloßen Händen in der Erde wühlt.
Natürlich, die Legende von der heiligen Jungfrau Jeanne d’Arc, die die Engländer besiegte, ist Basiswissen an Schulen – zumindest in Frankreich. Doch Regisseur Romeo Castellucci will tiefer gehen, den Geschichtsballast beiseite räumen. „Es geht es in erster Linie darum, gegen die Symbole zu rebellieren“, sagt Castellucci, gegen die Hagiografie, gegen das nostalgische Gedenken und dagegen, die himmlische Heldin zu feiern. Diese Jeanne d’Arc ist weder eine Heilige, noch das Sühneopfer der „politischen Vernunft“. Es geht hier darum, dieses Bild und seine ideologischen Schichten radikal zu durchbrechen.“
Das gelingt Castellucci in seiner Inszenierung dieses ohnedies mehr symbolistischen als realistischen dramatischen Oratoriums von Arthur Honegger und Paul Claudel faszinierend und verstörend gleichermaßen. Während die Stimme von Jeanne d’Arc zunächst noch aus dem Hausmeister wie ein Geist spricht, der in diesen hineingefahren ist, so wandelt sich die Figur mehr und mehr tatsächlich zur Frau Jeanne d’Arc, hat plötzlich langes schwarzes Haar und steht nackt in ihrer ganzen Weiblichkeit und Verletzlichkeit auf der Bühne, während um sie herum unsichtbar ein Gericht über sie sein Urteil spricht, ihr Bruder Dominique mit ihr Zwiesprache hält, ihr Kindheitserlebnisse durch den Kopf gehen. Die Zuschauer hören die Stimmen der Sängerinnen und Sänger und die des Chors von unten, von oben, von den Rängen des Theaters – aber sie sehen sie nicht. Nur ein paar Personen des Lehrerkollegiums stehen manchmal an der Seite neben dem Klassenraum – unter ihnen Dominique – sie ahnen, dass etwas Seltsames in dem Klassenzimmer vor sich geht, können aber nicht hinein, weil es von innen versperrt ist.
Fantastisch ist vor allem die Leistung der Schauspielerin Audrey Bonnet in der Sprechrolle der Jeanne d’Arc, die sich am Ende ihr Grab mit den eigenen Händen buddelt und geradezu apotheotisch von einer alten, ebenfalls nackten Frau darin gebettet wird. Grandios in dieser außergewöhnlichen Aufführung, die die Legende der Jeanne d’Arc als eine Art Reinkarnation oder Besessenheit vorstellt, auch die musikalische Umsetzung in der Gesamtleitung durch den Chefdirigenten der Oper Lyon Kazushi Ono. Ono verlebendigt Honeggers ungemein vielgestaltige und anspielungsreiche Partitur mit beispielhafter Klarheit und einer mit der Inszenierung korrespondierenden zum Ende hin sich immer weiter steigernden Eindringlichkeit. Trotz oder gerade wegen des verfremdenden Ansatzes von Castellucci werden die Berührungspunkte von Regie und Musik und Text zu ganz besonderen rätselhaft-zauberhaften Höhepunkten – etwa wenn Jeanne auf einem Besen reitet oder sich an Lieder aus ihrer Kindheit erinnert und dabei ihren ganzen Körper mit Mehl bestäubt.
„Diese Musik ist eine Tür, die sich zu einer Reise ins Innere öffnet“, sagt Castellucci. Er hat dafür eine ebenso eigenwillige wie beeindruckende Bildersprache gefunden.
Man darf gespannt sein, was dem Italiener zu Wagners „Tannhäuser“ einfallen wird, den er im Mai an der Bayerischen Staatsoper in München inszeniert.

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