Jansons Mahler 4

Die Sprache der Blumen

Mariss Jansons bei der Probe zu Gustav Mahlers Symphonie Nr. 3 Foto: Astrid Ackermann/BR

Mariss Jansons dirigiert Mahlers Dritte bei den BR-Symphonikern
(München, 9. Dezember 2010) Mahlers Zweite, die Mariss Jansons im Herbst dirigieren sollte, musste er noch in seiner Rekonvaleszenzphase absagen, sie wird am 13. und 15. Mai nachgeholt. Doch mit der Dritten meldet sich der Chef der BR-Symphoniker noch vor der Vierten am 16. und 17. Dezember mit aller Macht zurück. Der erste von zwei, auch vom Bayerischen Fernsehen aufgezeichnete Abenden in der Philharmonie zeigte einmal mehr, zu welcher Form Jansons bei derart gewaltigen Kolossen (wie auch den "Gurreliedern") aufläuft, die plötzlich eine zwingende Form, einen Detailreichtum, eine Klarheit erlangen, wie man sie selten erlebt.

Schon im halbstündigen ersten Satz wirkte das nach allen Seiten strebende, vieldeutige Konglomerat aus verschiedensten Märschen wie aus einem Guss, das sonst oft von einer mächtigen Fanfare der acht Hörner zu Beginn und am Ende mühsam zusammengehalten wird. Famos zart manches Streicherraunen, enorm durchsichtig jeder Verlauf, höchst flexibel im Tempo die Übergänge.
In den beiden folgenden Sätzen spricht Flora und Fauna. "Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen" könnte der zweite, "Was mir die Tiere im Walde erzählen" laut einem Brief Mahlers der dritte überschrieben sein. Selten klingt das so zart und empfindsam, trotz allem Parodistischen, aber auch derart lautmalerisch deutlich und trennscharf. Die einsame Posthornmeldodie aber wehte in einer Schönheit und trauerumflorten Rückbesinnung von draußen herein, dass man ganz verzaubert wurde.

Satz vier und fünf lassen den Menschen sprechen, zunächst in Gestalt des grandiosen Alts von Nathalie Stutzmann, die Nietzsches "Denn alle Lust will Ewigkeit" wirklich misterioso singen kann. Dann ergänzt von Frauen- und Knabenchor ("Es sungen drei Engel") und musikalisch mehrfach in Vorwegnahme des Finales der vierten Symphonie. BR-Frauenchor und Tölzer Knaben hatten hörbar Spaß an ihren Aufgaben und auch Nathalie Stutzmann ließ noch einmal ihren kostbaren tiefen Alt erklingen. Das wieder rein instrumentale, attacca anschließende Adagio-Finale beginnt bei Jansons und den BR-Symphonikern traumhaft gemessen "ruhevoll" (so die Vortragsanweisung), um sich mehrfach gewaltig zu steigern bis hin zum unendlich lang ausgehaltenen Schlussakkord. Triumph oder die Angst vor der Stille danach? Jansons beließ auch dies in der Schwebe wie so vieles unter dem gewaltigen Bogen, den er an diesem Abend über fast eindreiviertel Stunden spannte und Mahler zu einer Dringlichkeit verhalf, die sich so wohl nur beim kollektiven Konzerterleben einstellt.

Klaus Kalchschmid 

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