Jansons Dvorak/Mussorgsky

Konzertkritik: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Amerikanische Prärie und altrömische Katakomben

Mariss Jansons dirigiert bravourös Schlachrösser von Dvorák und Mussorgsky in München
Von Christian Gohlke
(München, 14. November 2014) Betriebsame Tage sind es gerade beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Nach einem Gastkonzert, das die Musiker und ihren Chefdirigenten Mariss Jansons in dessen Heimatstadt Riga geführt hat, steht nun eine große Asien-Tournee bevor. In Südkorea, Japan und Taiwan sind insgesamt neun Konzerte zu geben, wobei das erste am 18. November in Seoul, das letzte am 30. November in Taipeh stattfinden wird.
Zwei der Orchesterwerke, die neben Brahms‘ 1. Klavierkonzert, der „Rosenkavalier“-Suite und dem „Don Juan“ von Strauss sowie der 5. Sinfonie von Schostakowitsch auf der Tournee etliche Male erklingen werden, waren nun, sozusagen vorab, bei zwei Abonnementkonzerten in München zu hören, nämlich Antonin Dvoráks 9.  Symphonie „Aus der neuen Welt“ und Modest Mussorgskys „Bilder eine Ausstellung“, die wie üblich in Ravels Orchesterfassung gespielt wurden.
Gewidmet war das Münchner Konzert am 14. November Rafael Kubelik, der im Juni dieses Jahres seinen einhundertsten Geburtstag feiern würde. Kein anderer, sagte Mariss Jansons in einer kleinen Ansprache zu Beginn des Abends, habe dieses Orchester so geprägt wie eben Kubelik, der es achtzehn Jahre lang (von 1961 bis 1979) als Chefdirigent leitete. Ihm vor allem sei es zu danken, dass dieser Klangkörper heute zu den besten der Welt zähle.
Ein solcher Anspruch will immer wieder neu beglaubigt werden, und Mariss Jansons gelang eben dies bei seinem jüngsten Konzert im Herkulessaal, obwohl es vielleicht nicht einmal so ganz makellos, so ganz präzise und bis ins Letzte durchformt war. Aber dass es ihm glückte, zwei so beliebte und strapazierte Orchesterwerke wie Dvoráks Neunte und Mussorgskys „Bilder“ so frisch und spontan klingen zu lassen, ist am Ende ja viel beglückender als ein noch so exaktes, dabei aber routiniert wirkendes Musizieren.
Besonders schön und innig gelangen dem Orchester und Jansons die volksmusikalischen Elemente in Dvoráks großer Symphonie. Das Englischhorn stimmte im Largo mit zarter Melancholie über den liegenden Streicherklängen seinen Klagegesang an (Dvorák will dabei ja von Longfellows Epos über Hiawatha inspiriert gewesen sein, in dem die tote Gefährtin des Indianers beklagt wird). Mit einer spannungsvollen kleinen Temporückung leitete Jansons im Scherzo zum Trio über, dessen Walzermeldie bei ihm, ganz böhmisch, zugleich kernig und anmutig daherkam. „Con fuoco“, feurig also, erklang das finale Allegro, wobei die dramatische Aufgipfelung der Motive vor dem Umschlag des Hauptthemas in Dur besonders eindrücklich war. Die exzellenten Blechbläser wurden vom Publikum denn auch gefeiert.
Der satte, gepflegte Streicherklang des Orchesters kam in den „Bildern einer Ausstellung“ im Dialog zwischen Goldenberg und Schmuyle eindrucksvoll zur Geltung, den Jansons genauso sprechend und mit Sinn für Dramatik zu gestalten wusste wie den Markt zu Limoges, auf dem keifende Weiber und schnatternde Besucher – man hörte das förmlich – bunt und lebhaft sich tummeln. Vielleicht hätte man den in ihren Eierschalen tanzenden Küken noch etwas leichtere und beschwingtere Beine gewünscht, und vielleicht hätte auch der Ochsenkarren sich noch deutlicher nähern und wieder entfernen können (Jansons begann den Satz recht laut), – dafür aber ließen die römischen Katakomben nichts an düsterer, geheimnisvoller Atmosphöre zu wünschen übrig, und zuletzt spielte sich das Orchester, schon dem großen Tore zu Kiew sich nähernd, in einen wahren, mitreißenden Klangrausch.
Den Blumenstrauß, den Mariss Jansons zum Dank für den Konzertabend erhalten hatte, gab er bescheiden an den Konzertmeister Radoslaw Szulc weiter. Dann schloss er sich dem Publikum an und applaudierte dem Orchester, auf das sich die Musikwelt im fernen Osten freuen darf.

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