Italienerin in Algier

Rossini und der clash of civilisation

Stefan Sevenich als Mustafa Foto: Angelika Röder

Das Münchner Gärtnerplatztheater bringt eine spritzig-witzige "Italienerin in Algier" heraus

(München, 14. Januar 2011) Der viel diskutierte clash of civilisation ist wahrlich kein Phänomen unserer Tage. Nur wir machen daraus ein Theater als stünden die Türken mal wieder unmittelbar vor Wien, bereit uns mit schwarzem Kaffee, Süßwaren und Kopftüchern um unsere Kultur, unser Selbstwertgefühl und wer weiß noch alles zu bringen. In früheren Jahrhunderten ging man mit dem und den "Fremden" offenbar etwas entspannter um. Wie Gioacchino Rossini in seiner Oper "Die Italienerin in Algier". Der macht sich darin über Moslems und Italiener und deren "kulturelle" Eigenheiten gleichermaßen lustig. Ein Moslem-Karikaturist, dem darob nie einer gram gewesen ist.

Mustafa, Bey von Algier, ist ein aufgeblasener, selbstherrlicher Pascha und im Nebenberuf Seeräuber (stimmlich und darstellerisch ideal als Bassbuffo: Stefan Sevenich), der sich in seinen Harem eine echte Italienerin wünscht, weil die so ganz besonders sein sollen. In Isabella, die seine Leute von einem Beutezug heimbringen, glaubt er sich am Ziel seiner Wünsche. Doch Isabella (mit kraftvollem Mezzo und Spielfreude: Rita Kapfhammer) führt das Testosteronmonster so dermaßen an der Nase herum, dass der arme Mustafa am Ende froh ist, wenn Isabella die Flucht ergreift und er wieder seine Ruhe hat.

Rossinis "Italienerin", die übrigens als erste seiner Opern in Deutschland aufgeführt wurde (1816 in München), ist ein Feuerwerk an szenisch-musikalischem Witz, ein musikalischer Klamauk, wie ihn kein anderer Komponist vor oder nach ihm so umwerfend gestaltet hat.
Und das Münchner Gärtnerplatztheater wird in seiner Neuproduktion diesem Rossinischen Witz wunderbar gerecht.
Thomas Enzinger sorgte in seiner Inszenierung für jede Menge witziger Ideen und tempo- und abwechslungsreiches Spiel – das auch den Chor mit einschließt (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen). Wunderbar, wenn die Mustafa-Sklaven ihre Arbeitskleidung ablegen und darunter italienische Fußballtrikots sichtbar werden. Oder wenn am Himmel zur vermeintlichen Verführungsszene von Mustafa und Isabella der Mond mit dem Konterfei des Mustafa aufgeht, während ein durch einen Fahrraddynamo illuminierter Sternenhimmel am künstlichen Firmament blinkt.
Bühne und Kostüme von Toto divergieren in ihrem Charakter allerdings ein wenig. Während das Schiffsbühnenbild fast zu cool und stylish wirkt, sind die Kostüme mitunter eine Spur zu albern, z.B. wenn Taddeo zum "Kaimakan" ernannt wird. Und auch das Ganzleder-Outfit von Mustafas erstem "Offizier" (stimmlich ganz ausgezeichnet: Derrick Ballard) Haly fällt aus dem Rahmen.
Lukas Beikircher, erster Kapellmeister und nach dem Tod David Stahls kommissarischer Chefdirigent des Hauses, sorgt für punktgenaues, spritziges und klangschönes Musizieren. Schon in der Ouvertüre versprüht das Orchester jede Menge schalkhaften Esprit und es behält dies auch bis zum Schluss bei.
Eine gelungene Produktion, die das Premierenpublikum denn auch zu recht ausgiebig bejubelte.
1832 wurde die "Italienerin" übrigens bereits in New York aufgeführt, 1842 in Algerien!

Robert Jungwirth

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