Ion Marin und Münchner Philharmoniker

Keine Jubelmusik in bedrängter Zeit

Der Isenheimer Altar mit dem Engelskonzert, der Paul Hindemith zu seinem „Mathis“ inspirierte


Die Münchner Philharmoniker spielen unter Ion Marin Hindemith und Prokofjew
(München, 19. September 2007) 38 Jahre war Paul Hindemith alt als er an seiner Oper „Mathis der Maler“ zu arbeiten begann. Längst war er als Komponist in Deutschland etabliert, unterrichtete zudem seit Jahren als Professor für Komposition in Berlin. Mit der „Machtergreifung“ der Nazis geriet Hindemith jedoch in eine eigentümliche Zwischenstellung. Einerseits berief man ihn in den „Führerrat“ der Reichsmusikkammer, andererseits verbot man zahlreiche seiner Werke, weil sie „kulturbolschewistisch“ seien. In dieser Zeit entstand die Oper „Mathis der Maler“, in der Hindemith den Maler Matthias Grünewald als einen von der Politik und der Gesellschaft enttäuschten Künstler porträtiert, der sich resigniert auf seine Kunst konzentriert. Noch vor Vollendung der Oper entstand auf Bitten Wilhelm Furtwänglers die dreiteilige Symphonie „Mathis der Maler“, die Furtwängler 1934 mit den Berliner Philharmonikern sehr erfolgreich uraufführte. Danach setzte eine gesteuerte Kampagne gegen Hindemith ein, die ihn schließlich in die Emigration trieb.
Alle drei Sätze der Symphonie sind durchdrungen von einer grüblerischen, schwermütigen Grundstimmung, selbst der erste, positivste Satz mit dem Titel „Engelkonzert“ – eine Anspielung auf einen Ausschnitt des berühmten Isenheimer Altars von Matthias Grünewald. Hindemith hat in dieser Symphonie gewissermaßen die eigene Unruhe und Unsicherheit über seine Lage komponiert, aber auch die positive Utopie einer Kunst als Gegenentwurf zu Unfreiheit und Bedrängnis.
Offensichtlich aber hat sich der aus Rumänien stammende Dirigent Ion Marin nicht wirklich intensiv mit diesem Werk befasst, bevor er es bei den Münchner Philharmonikern dirigierte. Von Hindemiths Tiefgründigkeit und auch Abgründigkeit war jedenfalls nichts zu hören, stattdessen viel von oberflächlichen Effekten, vor allem im ersten Satz. Vieles klang fahrig im Ausdruck, blass in der Tongebung. Eigentlich darf so etwas nicht passieren, nicht wenn man sich mit solch einer Bekenntnismusik beschäftigt.
Wie anders dagegen klang die zweite Bekenntnismusik des Abends, die fünfte Symphonie von Sergej Prokofjew. Auch Prokofjew stand in der Sowjetunion unter ständiger Beobachtung, sah sich in der Pflicht, dem Diktat des „sozialistischen Realismus“ entsprechen zu müssen.
Natürlich gibt es in seiner fünften Symphonie, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden, strahlende Fortissimi. Aber auch hier ist der Jubel eingetrübt, steht er in einem nicht zweifelsfreien Kontext, der sich vor allem in den Mittelsätzen offenbart. In dem tiefsinnigen und wehmütigen Adagio und auch im dem ins Groteske abdrehenden Allegro marcato. Bemerkenswert, wie sicher Marin hier den Ausdrucksgehalt der Musik erspürt. Wie ausgewechselt wirkte auch das Orchester, das Prokofjews vielfarbig schillernde und überaus virtuose Partitur technisch versiert und ausdrucksstark umsetzte.
Robert Jungwirth

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