Interview Josef Hader

Ein abendländischer Terrorist

Josef Hader als Musikjournalist Foto: Verleih

Interview mit Josef Hader über seinen neuen Film „Wilde Maus“, über Musikkritik und die Bedeutung der klassischen Musik in dem Film
Von Robert Jungwirth
KlassikInfo: Ein Film über einen Musikkritiker ist ja wohl ein Unikum. Warum haben Sie für die Hauptfigur Ihres Films ausgerechnet einen Musikjournalisten genommen? Es hätte ja auch ein Sportreporter sein können oder ein Wirtschaftsjournalist, der entlassen wird…
Hader: Eigentlich nur, weil ich die klassische Musik drin haben wollte als Antrieb für die Hauptfigur. Mich hat die Idee fasziniert, dass die Musik ihn dort hin treibt, dass die Wut in seinem Bauch von der klassischen Musik verstärkt wird. Ich hatte so ein bisschen die Vorstellung von einem abendländischen Terroristen.
KlassikInfo: Ein kultureller Terrorist…
Hader: Ein kultureller Terrorist. Das andere ist, dass wenn ich einen anderen Beruf genommen hätte und trotzdem klassische Musik verwendet hätte, dann wäre das gleich so ein Arthaus-Signal gewesen…
KlassikInfo: Kunstfilm.
Hader: Ja, Kunstfilm. Aber wenn das ein Kritiker für klassische Musik ist, dann gar nicht.
KlassikInfo: Kennen Sie Musikjournalisten, haben Sie mit einem oder mehreren gesprochen zur Vorbereitung auf diesen Film?
Hader: Nein, ich habe nur schon immer Kritiken gelesen, weil mich das interessiert – seit den 80ern, als ich angefangen habe, in Wien zu studieren. Und was man da schon feststellen konnte, das war diese taktische Art, dass von bestimmten Journalisten bestimmte Leute gut gefunden und andere schlecht gefunden wurden. Da gab’s den Kritiker, der die Karajan-Biografie schreiben dürfte, der hat bestimmte Leute sehr gut gefunden und andere schlecht finden müssen. Das war klar.
KlassikInfo: Es ist ja schon auch eine spezielle Atmosphäre in Wien. Da kann man mit einem Taxifahrer über klassische Musik diskutieren…
Hader: Manchmal. Selten. Ist ein bisschen ein Vorteil.
KlassikInfo: Musikkritiker oder Musikjournalisten sind ja eine durchaus bedrohte Spezies – nicht nur in Ihrem Film. In den zurückliegenden Jahren wurden viele Stellen gestrichen und es gibt immer weniger Platz für klassische Musik in den Zeitungen. War das auch ein Aspekt für Ihren Film?
Hader: Es war eher die Idee, dass wenn man Arbeitslosigkeit im Mittelstand schildern will, man den Journalismus nimmt. Das ist naheliegend. Und den Musikkritiker deshalb, weil man auf eine lockere Art die Musik in den Film hinein bringen kann. Das waren die zwei Überlegungen.
KlassikInfo: Sie sehen den Journalismus also generell als einen gefährdeten Berufsstand?
Hader: Nicht ich sehe das so, es passiert einfach. Man trifft immer wieder Leute, die einem erzählen, sie kämpfen gerade oder sie werden mit einem schlechteren Vertrag wieder angestellt. Das ist einfach ein Faktum.
KlassikInfo: Man kann über diesen armen Tropf in ihrem Film lachen, aber man kann natürlich schon auch bedauern, dass die Beschäftigung mit und die Vermittlung von unserem kulturellen Erbe, von unserer kulturellen Tradition – und die klassische Musik steht da sehr weit oben – heute einen so geringen Stellenwert in Zeitungen und bei Verlegern hat…bedauern Sie das auch – jetzt mal etwas über den konkreten Fall des einzelnen arbeitslosen Journalisten hinausgehend?
Hader: Wie ich in die Schule gegangen bin, waren die ersten Bücher, die ich mit großer Leidenschaft gelesen habe, Geschichtsbücher, weil mich Geschichte wahnsinnig fasziniert hat. Und ich habe dann begonnen, Geschichte zu studieren, allerdings nicht fertig. Aber es hat dafür gereicht, dass ich ein Bewusstsein dafür bekommen habe zu sagen, es bringt überhaupt nichts irgendetwas zu bedauern, was verloren geht, weil es eine Tatsache ist, dass tausend Dinge verloren gehen und andere kommen. Jeder Mensch, der 80 Jahre alt wird, erlebt im Grunde den Zusammenbruch seiner Welt, wie er sie kennt. Der eine mehr, der andere weniger, je nachdem, welche Umbrüche es sind. Das ist einfach eine Tatsache. Es gibt viele Dinge, die wir nicht vermissen, weil wir sie nicht kennengelernt haben. Also, eine Kritik an dem, wie die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden funktioniert, ist sinnlos.
KlassikInfo: Also kein kulturpessimistischer Film?
Hader: Nein, überhaupt nicht.
KlassikInfo: Die klassische Musik spielt in dem Film aber doch eine wichtige Rolle, es ist ein Streichquartett von Schubert zu hören, es ist viel Beethoven zu hören, Strawinsky – alles Originalmusiken, also nicht bearbeitet von einem Filmkomponisten…
Hader: Es gab zur Musik zwei Überlegungen. Die eine war die inhaltliche Seite dieses abendländischen Terroristen. Und die zweite war die formale. Es ist so, dass ich keine Chormusik mag und ich mag auch keine komponierte Musik in Filmen. Mir gefallen die Filme sehr gut, in denen sich Regisseure einfach ihre Musik suchen, und das geschieht oft mit klassischer Musik. Das hat Haneke gemacht, das hat Kubrick gemacht, das haben viele gemacht. Jetzt auch zum Beispiel in „Manchester by the Sea“, ein wunderbarer Film, in dem auch klassische Musik vorkommt.
KlassikInfo: Wieviel haben Sie für die Musik recherchiert?
Hader: Bei der Barockmusik musste ich lange suchen. Wenn man ein zorniges Thema will, dann hört man sich viele Stücke durch, bis man sagt, das ist es. Bei Beethoven ist es nicht so schwierig, weil es da ein paar modernere Aufnahmen gibt, die einen wilderen Beethoven zeigen – und die man sich leisten kann. Da gibt es zum Beispiel keine Kleiber-Aufnahme, die wir uns leisten könnten. Auch keine Harnoncourt-Aufnahme. Das heißt, ich habe bei meinen drei Lieblingsaufnahmen geschaut und die Bremer Kammerphilharmonie haben wir uns leisten können. Und ich finde die Aufnahme großartig.
KlassikInfo: Wenn man  sieht, welchen Stellenwert die klassische Musik beispielsweise in China genießt, wo ein Konzertsaal nach dem anderen gebaut wird und man gleichzeitig sieht, wie in Deutschland oder Österreich dieses kulturelle Erbe verflacht und eingespart wird, kann man schon ins Nachdenken geraten, ob da nicht etwas verloren geht, was es wert wäre, mehr geschätzt zu werden…
Hader: Ich glaube, dass die klassische Musik immer eine Rolle spielen wird. Es wird sie immer geben, weil sie sich von den Musikrichtungen, die danach gekommen sind, dadurch unterscheidet, wie sie gespielt wird und weil sie nicht so stark an einem Interpreten hängt. Man sollte sich als Klassikkritiker mal anschauen, wir es den Jazzkritikern geht, dann weiß man, an welcher lebendigen Veranstaltungen man teilnehmen darf in der klassischen Musik. Das ist das Problem des Jazz, und das ist irgendwann auch das Problem der alten Rockmusik, dass sie zeitlich total verortet ist und an bestimmte Interpreten gebunden und dadurch immer mehr verstaubt. Während die klassische Musik sich immer wieder neu erfinden kann.


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