Interview Hartmut Schick

Strauss ist einer der genialsten Orchestrierer der Musikgeschichte

Harmut Schick Foto: privat

Am musikwissenschaftlichen Institut der Münchner Universität wird die erste kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss erarbeitet. Ein gewaltiges Projekt, das auf 25 Jahre angelegt ist. Wird die Ausgabe das Bild von Richard Strauss verändern? Fragen an den Leiter der Gesamtausgabe Hartmut Schick.
Von Robert Jungwirth

KlassikInfo: Herr Schick, war es Zufall oder Notwendigkeit, dass die neue Richard-Strauss-Gesamtausgabe in München, dem Geburtsort des Komponisten, erarbeitet wird?

Schick: Es ist natürlich kein Zufall, dass man das hier macht. Strauss ist nunmal Münchner gewesen und dann zum Garmischer geworden, nachdem er in Weimar, Berlin und Wien als Hofkapellmeister gewirkt hatte. In München und in Garmisch liegt ein Großteil der Quellen, und es gibt hier die Bayerische Akademie der Wissenschaften, die sehr interessiert daran war, dieses Projekt auf den Weg zu bringen. Mit der Bayerischen Staatsbibliothek befindet sich hier außerdem die europaweit führende Bibliothek für Musikliteratur und Musikalien. Dazu kommt, dass das Institut für Musikwissenschaft an der Universität München eine jahrzehntelange Tradition der Strauss-Forschung hat mit der Strauss-Arbeitsgruppe des Ehepaars Schlötterer. Insofern ist hier der Boden für das Strauss-Projekt doch sehr gut bereitet.

Wie viele Personen arbeiten an der Ausgabe und wann soll sie abgeschlossen sein?

Das Projekt wird finanziert von der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, und hier beträgt die Förderhöchstdauer neuerdings nur noch 25 Jahre. Das klingt nach viel, ist aber eigentlich sehr wenig, vor allem für so ein riesiges OEuvre wie das von Richard Strauss. Man denke daran, dass die Neue Mozart-Ausgabe etwa 60 Jahre gebraucht hat, und die Haydn-Gesamtausgabe wird sogar mehr als 60 Jahre benötigen. Wir haben einen Mitarbeiterstab aus vier hauptamtlichen wissenschaftlichen Mitarbeitern, die den Großteil der editorischen Arbeit leisten. Sie werden unterstützt von wissenschaftlichen und studentischen Hilfskräften und auch punktuell von externen Experten, die bei der Edition einzelner Bände als Mitherausgeber fungieren. Es sind um die 50 Bände veranschlagt und erscheinen wird die Gesamtausgabe in einem Verlagskonsortium, dem der Dr. Richard Strauss-Verlag, Schott Music, Peters und Boosey&Hawkes angehören.

Was ist zur Quellenlage zu sagen? Haben Sie Zugriff auf alle wesentlichen Quellen oder sind einige davon noch unzugänglich oder unter Verschluss?

Sehr erfreulich ist die Kooperationsbereitschaft der Erben von Richard Strauss, ohne die es natürlich auch nicht ginge. Von daher ist der Zugang zu den Autographen recht gut, aber es gibt natürlich auch problematische Fälle -Quellen, die verschwunden sind, wo man ahnt, wo sie liegen könnten, man sich aber schwer tut, an sie heranzukommen. Aber unsere bisherigen Erfahrungen sind überwiegend gut, und ich gehe nicht davon aus, dass zentrale Quellen für die editorische Arbeit nicht zur Verfügung stehen werden. Was Druckvorlagen, Korrekturabzüge, Aufführungsmaterialien und Quellen zu alternativen Fassungen angeht, gibt es für uns aber weltweit noch sehr viel zu recherchieren.

Wo sind die blinden Flecken im Werk von Richard Strauss? Was kann, was muss eine neue Ausgabe seiner Werke leisten, welche Erkenntnisse kann sie erbringen?

Zunächst muss man sagen, dass bei Strauss – abgesehen von den frühen Klavierwerken – bislang noch überhaupt keine editorische Arbeit im wissenschaftlichen Sinn geleistet worden ist. Was weltweit von Strauss  gespielt wird, basiert im Wesentlichen auf den Erstdrucken der Werke. Unsere Aufgabe ist es im Grunde, bei sämtlichen Werken erst mal die gesamte Bandbreite der Quellen zu erschließen, die Quellen miteinander zu vergleichen und dann eben die bestmögliche Werkgestalt zu rekonstruieren.
Es gibt Werke von Strauss, bei denen unterschiedliche Fassungen noch überhaupt nicht ediert worden sind, etwa die zweite Fassung von Macbeth, der frühen, heute kaum noch gespielten Tondichtung, die Erstfassung der Ariadne auf Naxos – mit der eigenartigen Verknüpfung von gesprochenem Schauspiel (Der Bürger als Edelmann) und Oper oder die französische Fassung der Salome. Bei den Liedern gibt es Fälle, wo wir erstmals unbekannte Fassungen oder ganz neuentdeckte Werke edieren werden. Auch einige Ouvertüren aus der Jugendzeit sind noch nicht ediert. Außerdem stellen wir zu den Bühnenwerken und Tondichtungen auch immer umfangreiche Dokumentationen übers Internet kostenlos bereit, in denen die Entstehungsgeschichte, die Aufführungsgeschichte, die frühe Rezeptionsgeschichte, unter Umständen auch die Inszenierungsgeschichte mit kommentierten Schrift- und Bildquellen dokumentiert wird. Das wird auch für Leute attraktiv sein, die mit dem eigentlichen Notentext wenig anfangen können.

Wird es dieses Angebot mit dem Erscheinen eines  jeden Bandes geben oder erst später?

Das soll möglichst beim Erscheinen des entsprechenden Bandes im Internet veröffentlicht werden. Bei den Liedern gibt es übrigens noch den interessanten Fall, dass Strauss beim Einstudieren von Liedern mit seiner Frau Pauline, die ja Sängerin war, Eintragungen im Notentext angeregt hat, die ein Bild davon vermitteln, wie das Ehepaar Strauss diese Lieder aufgeführt hat. Das werden wir auch in der Edition dokumentieren. Außerdem fahnden wir nach Orchestermaterial, in dem sich Hinweise auf die Probenarbeit von Strauss finden, so dass man auch dadurch Fehler identifizieren oder Varianten verifizieren kann.
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