Interview Hartmut Schick 3

Strauss ist einer der genialsten Orchestrierer der Musikgeschichte

Noch immer gibt es in der Bewertung des OEuvres von Strauss eine Zweiteilung: Bis zum Rosenkavalier war er der Moderne, dann der Konservative, Rückschrittliche. Wird dieses doch etwas pauschale und oberflächliche Urteil durch die neue Ausgabe vielleicht revidiert?
Ich denke, dass sich uns, die wir bereits durch die Postmoderne hindurch gegangen sind und die wir nicht mehr dem naiven Fortschrittsglauben huldigen, dem noch Adorno und die Generation unserer Väter verpflichtet waren, die Chance auf einen neuen Blick auf die zweite Hälfte des OEuvres von Strauss bietet. Natürlich war Strauss bis zur Elektra äußerste Moderne, und er hat die Musikgeschichte mindestens so sehr vorangetrieben wie Mahler. Die scheinbare Rückwendung, die dann mit dem Rosenkavalier einsetzt und vollends mit der Frau ohne Schatten, sollte man nicht als etwas Neokonservatives wahrnehmen, sondern ich verstehe sie als ein Komponieren, das in einer Weise mit Musikgeschichte spielt und reflexiv umgeht, wie uns das mittlerweile aus der Postmoderne der Siebziger- bis Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts vertraut ist. Wenn man mit den Augen der Postmoderne auf den späteren Strauss schaut, sieht man, wie er lange vor der Postmoderne mit der Geschichte von Gattungen spielt, dass er nicht einfach nur eine romantische Oper schreibt, sondern eine Oper über das Thema „romantische Oper“. Oder er schreibt Die Schweigsame Frau als eine Oper über die Opera Buffa des Donizetti-Typus. Alles in einer gebrochenen Art und Weise, ironisch, teilweise grotesk überspitzt und nicht einfach nur konservativ, sondern in einer Weise gebrochen, wie man das auch von Strawinsky kennt – etwa von dessen Oper The Rake’s Progress. Das scheint mir das Interessante zu sein, dass Strauss ab dem Rosenkavalier gewissermaßen Musikgeschichte reflexiv komponiert, dass er also Musik über Musik schreibt in einer hochintelligenten Art und Weise, die dann in Capriccio kulminiert. Capriccio ist ja das Experiment, eine musikästhetische Diskussion über die Geschichte des Musiktheaters, über die richtige Verbindung von Wort und Ton als Oper auf die Bühne zu bringen. Wenn man nicht so genau hinhört, klingt es in der Tat nach 19. Jahrhundert, aber wenn man genauer hinschaut, wie hier selbstreflexiv und ironisch gearbeitet wird, dann ist das höchst modern, obwohl gar nicht dissonant, und diese Art von subtiler Modernität gilt es bei vielen Werken von Strauss noch zu entdecken

… auch von den Dirigenten…

Ja, wobei man zum Beispiel auch wahrnehmen muss, dass Strauss mit der Oper Intermezzo von 1923 im Grunde das Genre der Zeitoper erfunden hat. Also eine Oper über banale Alltagsthemen, in der auch neuere Technik wie das Telefon oder sportliche Aktivitäten wie das Rodeln auf die Bühne kommen. Das ist noch vor „Jonny spielt auf“ von Krenek, vor Hindemith und vor Schönberg, der sich in „Von heute auf morgen“ durchaus von „Intermezzo“ hat inspirieren lassen.

Da ist Strauss sozusagen auch nach dem Rosenkavalier noch immer der Moderne,  der sogar die Neue Sachlichkeit in der Musik mit erfunden hat…

Ja, und es ist im Grunde auch etwas unfair, wenn man Strauss immer vorwirft, dass er nicht atonal komponiert hat. Wenn man Strauss dazu gezwungen hätte, atonal zu komponieren, wäre das in etwa so, wie wenn man Franz Marc oder August Macke dazu gezwungen hätte, auf Farbe zu verzichten. Ohne Tonartvorstellung konnte Strauss gar nicht kreativ werden. Das sollte man akzeptieren und von dem etwas engstirnigen Modernitätsdenken nur im Hinblick auf den Dissonanzgrad Abstand nehmen. Das zeigen mir auch heutige Komponisten, wie etwa Jörg Widmann, Manfred Trojahn oder Wolfgang Rihm, die ja intensiv Strauss rezipieren. Die aktuelle Generation der maßgeblichen Symphoniker und Opernkomponisten, die weiß sehr wohl wieder etwas mit Strauss anzufangen und darauf aufzubauen.

Strauss als Interpret seiner eigenen Werke…wird das auch in der Gesamtausgabe
dokumentiert

Ja, wir haben zum Beispiel eine Spätfassung eines frühen Liedes gefunden, bei dem der Klaviersatz vollkommen umgestaltet ist und dann der Vergleich mit den erhaltenen Tonaufnahmen ergeben hat, dass es sich um eine Verschriftlichung dessen handelt, was Strauss selbst als Liedbegleiter jahrzehntelang improvisatorisch aus dem bereits veröffentlichten Lied gemacht hat.Das, was ihm improvisatorisch zur Gewohnheit geworden war, hat er dann auch wieder verschriftlicht. Und noch genau zu untersuchen ist, wie Strauss als Dirigent mit seinen Werken umging, ob sich hier Weiterentwicklungen finden lassen, die man in der Ausgabe zumindest dokumentieren kann, auch wenn sie in der Regel nicht die eigentliche Werkgestalt verändern werden. Das heißt, die Grenze zwischen Aufführung und kompositorischer Niederschrift ist durchaus durchlässig.

Und ist bei den aufführungspraktischen Notizen auch mit Handreichungen für die Interpreten zu rechnen?

Notate von Strauss in Dirigierpartituren, die für die Interpretation maßgeblich sein können, auch wenn sie in den Druck nicht eingegangen sind, werden von uns dokumentiert; gegebenenfalls in Fußnoten auch sichtbar gemacht, so dass man sie nicht im kritischen Bericht versteckt. Wir sind schon daran interessiert, so etwas auch für die Musikpraxis fruchtbar zu machen.
September 2014

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