Interview Hartmut Schick 2

Strauss ist einer der genialsten Orchestrierer der Musikgeschichte

Es gibt Dirigenten, die haben regelrechte Fehlerlisten erstellt im Orchestermaterial von Werken von Richard Strauss erstellt, etwa Karl Böhm. Ich nehme an, dass das ebenfalls berücksichtigt wird?

Die Verlage haben sich natürlich schon bemüht, ersichtliche Fehler zu eliminieren, indem Sie zum Beispiel Listen beigefügt haben. Aber solche Korrekturen sind in der Regel nicht das Resultat umfangreicher Quellenvergleiche, sondern man merkt halt, ein Ton ist falsch, und dann korrigiert man das eben, ohne die relevanten Quellen zurate zu ziehen. Insofern ist unsere Art der Fehlerkorrektur – und die Partituren von Strauss sind in der Tat voller Fehler – eine andere als die, die ein Praktiker beim Durchmusizieren eines Werks vornehmen kann.

Wann wird der erste Band erscheinen und welchem Werk ist er gewidmet?

Der erste Band soll in diesem Herbst erscheinen, in ihm ist die symphonische Dichtung Macbeth mit ihren drei Fassungen enthalten und der von Strauss selbst stammende Klavierauszug.
Auch die Oper Salome soll noch in diesem Jahr erscheinen, dazu kommt ein zweiter Teilband mit der französischen Fassung der Salome, bei der die Gesangsstimmen von Strauss stark umgearbeitet worden sind. Vielleicht schon zum Jahreswechsel wird der erste Band mit Liedern erscheinen und im nächsten Jahr kommt voraussichtlich die Elektra heraus.

Es gibt auch mehrere Fassungen der Tondichtung Macbeth. Was lässt sich daraus an Erkenntnissen gewinnen?

Von der ersten, noch mit einem lauten Triumphmarsch schließenden Fassung, haben sich nur Fragmente erhalten, die werden faksimiliert wiedergegeben, dann gibt es eine zweite Fassung, die von Strauss nur einmal aufgeführt und dann überarbeitet wurde. Sie wird von uns erstmals herausgegeben. Und die dritte, also die definitive Fassung wird so gedruckt, dass man sie seitengleich mit der zweiten vergleichen kann, so dass man wunderschön sehen kann, wie hier der junge Strauss instrumentatorisch gearbeitet und weitere Fortschritte gemacht hat, nämlich den Orchestersatz in seiner Klanglichkeit noch deutlich verfeinert und bereichert hat.

Strauss hat von sich ja gerne das Bild des perfekten Handwerkers kultiviert, der seine Werke mit dem Particell als bereits abgeschlossen betrachtet. Die Instrumentation in der Partitur sei dann nur mehr ein handwerklicher Akt gewesen. Was ist davon zu halten?

Strauss gehörte auf jeden Fall nicht zu den Komponisten, die erst beim Schreiben ihre Ideen entwickelt haben, wie zum Beispiel Beethoven. Er hatte immer ein erstaunlich präzises Bild des Werkes schon im Kopf, bevor er die Partitur geschrieben hat, wobei natürlich Skizzen und Particelle vorausgehen. Das Instrumentieren hat er tatsächlich als eine Art handwerkliche Tätigkeit wahrgenommen, aber Strauss natürlich einer der genialsten Orchestrierer und Instrumentierer der Musikgeschichte gewesen, das heißt, da ist dann schon auch sehr viel Kunst beim im Ausarbeiten der Orchesterfarben im Spiel. Dabei ist er übrigens mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit am Werk. Man findet in den ersten Niederschriften der Partituren deshalb auch erstaunlich wenige Korrekturen.

Die Gesamtausgabe wird das Bild des Komponisten Richard Strauss wahrscheinlich nicht grundsätzlich revidieren, dazu weiß man einfach zu viel von ihm. Hat  sich Ihr persönliches Strauss-Bild im Rahmen der Beschäftigung mit der Gesamtausgabe verändert?

Das Bild von Strauss wird sich, so hoffen wir, zumindest noch weiter ausdifferenzieren und neue Facetten bekommen. Und für mich ist dieses Projekt schon auch eine Entdeckungsreise, mit dem Effekt, dass während der intensiven Beschäftigung mit diesem Werk die Bewunderung kontinuierlich steigt. Man merkt gerade bei der Beschäftigung mit kompositorischen oder instrumentatorischen Detailfragen immer mehr, dass man es schon mit einem wirklichen Genie zu tun hat
Zu hoffen wäre natürlich, dass die doch recht schmale Werkauswahl des heutigen Musik- und Konzertlebens durch das Erscheinen der vielen Gesamtausgaben-Bände allmählich erweitert wird. Es sind ja doch fast immer nur die Tondichtungen ab Don Juan, die gespielt werden, von den 15 Opern wird höchstens die Hälfte häufiger gespielt. Wann hört und sieht man je Daphne oder Guntram oder Die Liebe der Danae? Auch bei den Liedern findet sich eigentlich höchstens ein Drittel im üblichen Repertoire, und das erstaunlich umfangreiche Chorwerk wird von der Praxis fast ganz ignoriert. Oder denken Sie an die für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein geschriebenen Klavierkonzertstücke, die übrigens bis heute nicht in der Originalgestalt, ohne Wittgensteins Eingriffe, zugänglich sind.

Der Wort-Ton-Bezug ist ja etwas ganz Wesentliches in den Werken von Strauss, und das nicht nur in den Opern, sondern auch in den Tondichtungen. Kann man aus der Arbeitsweise von Strauss herauslesen, dass fast immer der Text die Initialzündung für ein musikalisches Werk, für einen musikalischen Gedanken geliefert hat?

Das ist in der Tat so. Dem frühen Strauss kamen so viele Melodien in den Sinn, dass er leicht auch ohne Text komponieren konnte, aber er hat dann später bekannt, dass eigentlich der Text doch das entscheidende Inspirationsmoment für ihn sei. Das sieht man bei den Vokalwerken auch daran, dass er im Typoskript eines Librettos gleich beim ersten Durchlesen schon erste Notate anbringt. Ganz früh ist eine Tonartvorstellung vorhanden, und aus der Tonart ergeben sich dann einzelne Motive, zugeordnet zu Schlüsselwörtern im Text. Das heißt aber nicht, dass Strauss einfach nur am Text entlang komponiert hätte. Gerade bei den Opernfällt auf, wie Strauss versucht, der Musik jenseits des Vertonens des Textes auch einen inneren Halt zu geben, indem er formale Architekturen entwirft mit einer sehr präzisen Planung von Tonartenverläufen und Entwicklungen, in denen er gewisse Ziele in den Blick nimmt, auf die die Musik dann auch über lange Distanzen hin arbeitet. Manche Werkteile hat er deswegen sogar vom Ende her entworfen, wie die Skizzen zeigen.
[nächste Seite]

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.