Interview Berno Odo Polzer

24 Stunden lang Beethoven

Berno Odo Polzer Foto: Lucie Jansch

Im vergangenen August hat Berno Odo Polzer Matthias Osterwold nach 13 Jahren als Leiter der MaerzMusik Berlin abgelöst. Der österreichische Dramaturg und Kurator, der seit 2011 Tutor bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik ist, gab der MaerzMusik einen neuen Untertitel: „Festival für Zeitfragen“. Diese Fragen sollen vom 20.-29. März durch zeitgenössische Musik, Performances, Installationen, Filme und Diskussionen gestellt und vielleicht auch beantwortet werden. Im Interview mit KlassikInfo erläutert Polzer seine Programmatik.

KlassikInfo: Was hat Sie daran gereizt, die Leitung der Berliner MaerzMusik zu übernehmen?

Polzer: Naja, die Einladung von den Berliner Festspielen ist natürlich eine, die man ungern ausschlägt. Die MaerzMusik ist einfach ein tolles Festival mit einer fantastischen Geschichte und Berlin ist ein interessanter Ort für zeitgenössische Kunst und Musik. Es hat ein bisschen gedauert, die Entscheidung zu treffen, weil ich eigentlich gerade in meinem Doktoratsforschungsprojekt ganz gefangen und aufgegangen war, aber ich bin froh, dass es dazu gekommen ist.

KlassikInfo: Woran forschen Sie denn für Ihr Doktorat?

Polzer: Meine Dissertation dreht sich um die Frage, wie sich kreisbasierte Denkformen in der Geschichte des abendländischen Denkens politisch ausgewirkt haben. Sozusagen die Geschichte des linearen Denkens, das hat insofern eigentlich eher mit politischer Theorie und Philosophie zu tun als mit Musik oder Musikwissenschaft.

KlassikInfo: Die diesjährige MaerzMusik ist ein sehr interdisziplinäres Festival, ist das der Grund, warum Sie sich dafür entschieden haben, es nicht wie die vergangenen Jahre mit „Festival für aktuelle Musik“, sondern mit „Festival für Zeitfragen“ zu untertiteln?

Polzer: Genau, ich denke der Untertitel „Festival für Zeitfragen“ möchte einfach auf eine Kernfrage hinweisen, die ich in den nächsten Jahren verfolgen will, und zwar mit künstlerischen Mitteln, mit Mitteln des Diskurses, der Philosophie, der Geisteswissenschaften, der politischen Theorien. Diese zentrale Frage ist unser Umgang mit Zeit. Ich sehe darin eine sehr brennende Frage und bin davon überzeugt, dass in Zukunft hinsichtlich des Zeitwohlstands, des Umgangs mit Zeit, der Zeitstruktur große Konflikte zu erwarten sind. Ich möchte diese gesamtgesellschaftliche und politische Fragestellung verbinden mit Fragen der aktuellen, gegenwärtigen Musik- und Kunstproduktion. Das ist der Kerngedanke. Der Untertitel deutet beides an: Zeitfragen sind Fragen, die zum einen im allgemeinen Wortsinn unsere Zeit, unsere Gegenwart betreffen, und in der zweiten konkreten Wortbedeutung sind eben Zeitfragen Fragen, die sich mit Zeit beschäftigen.

KlassikInfo: Nach welchen Kriterien haben Sie das Programm zusammengestellt, gibt es trotz der Vielfalt der Aufführungen Gemeinsamkeiten der musikalischen Werke?

Polzer: Für mich ist ein Festival ein Ort der Intensivierung und ein Ort für verdichtete Zeitlichkeiten, verdichtete Erfahrungen – Erfahrungen, die sowohl sinnlicher, körperlicher, ästhetischer Natur sein können, als auch Erfahrungen des Nachdenkens, der Reflexion, des Lernens. Insofern ist es mein Ziel, so einen Zeitraum zu komponieren, zu gestalten, zu kreieren, der eben diese Intensität erzeugt. Es gibt also ganz viele verschiedene Bezüglichkeiten und Verbindungen zwischen den Konzerten, den Installationen, den filmischen Arbeiten und dem Diskurs. Es ist ein vielfältiges Netz von Verbindungen zwischen der konkreten künstlerischen Erfahrung und dem Nachdenken über die Zeit. Ein dichtes Netz, ohne dass die Kunst dabei die Theorie illustrieren oder die Theorie die Kunst erklären soll. Ich denke, das ist ein Erfahrungs- oder Lebensraum, den wir da anbieten und in dem man sich als Publikum frei bewegen kann.

KlassikInfo: Das „Standard“-Konzert mit festem Raum-Zeit-Gefüge findet ja bei der MaerzMusik quasi nicht mehr statt – würden Sie sagen, dass das traditionelle Konzert überholt ist oder in Zukunft überholt sein wird?

Polzer: Überhaupt nicht. Ich glaube, dass das traditionelle Konzertformat, das für mich darin besteht, dass die ganze Konzentration sich auf das Hören richtet, so aktuell ist wie eh und je. Ich glaube sogar, dass Live-Situationen, Live-Performances von Musik aber auch von anderen Kunstformen immer wichtiger werden im stark medialisierten Gesamtkontext, in dem wir uns bewegen. Für mich ist das Konzertformat extrem wichtig und extrem interessant. Gerade deswegen habe ich auch sehr viel Augenmerk auf Details gerichtet. Was ich am konventionellen Konzertformat eher nicht interessant oder teilweise auch problematisch finde, ist die Art und Weise wie Musik dort Teil eines Erlebnisses wird, das häufig rein pragmatischer Überlegung geschuldet ist – häufig geht es da um eine Standardlänge, die ein Konzert haben soll, um besetzungstechnische Fragen. Was mich interessiert, ist mit dem Konzertformat zu arbeiten. So gibt es Hörerfahrungen ganz konzentrierter Art in sehr unterschiedlichen Räumlichkeiten, vom Salzwasser im Liquidrom bis hin zu Konzerten in kompletter Dunkelheit, aber auch ganz klassische Konzerte dort, wo es der Musik am besten tut – im Kammermusiksaal der Philharmonie. Aber es gibt auch Formate, die noch einen Schritt weiter gehen, wie z.B. das Eröffnungsprojekt „Liquid Room“, in dem die starre Situation, in der sich der Konzertbesucher normalerweise befindet, aufgelöst wird und sich die emanzipierten Zuschauer selber auswählen können, wie nah sie an der Bühne sind, wann sie eine Pause machen usw.. Es gibt aber auch noch extremere Schritte wie das Abschlussprojekt im Kraftwerk Berlin „The Long Now“, eine 30-stündige Komposition in Raum und Zeit selbst. Ich würde mich freuen, wenn so viele Leute wie möglich sich dieser Extremsituation aussetzen und dort übernachten, dort frühstücken und sich dieser anderen Zeitlichkeit hingeben.

KlassikInfo: Dort wird auch Beethovens 9. Sinfonie in einer auf 24 Stunden gedehnten Version aufgeführt…

Polzer: Genau, das ist ein Kern des Stücks und eine fantastische konzeptionelle Arbeit von Leif Inge. Beethovens Neunte gedehnt auf 24 Stunden ohne dass die Tonhöhe verändert wird. Man findet sich dort tatsächlich in einer gedehnten Zeitwahrnehmung wieder, also eine extrem bereichernde, aufregende Erfahrung.

KlassikInfo: Sie haben ja gerade schon den Kammermusiksaal der Philharmonie genannt, wo ein Werk des Komponisten Georgis Aphergis aufgeführt wird – warum passt gerade sein musikalisches Schaffen in Ihre Konzeption der Zeitfragen?

Polzer: Ich möchte mir mit dieser Idee der Verfolgung der Zeitfragen kein Korsett anlegen, das es mir unmöglich machen würde, einfach nur gute Musik bei der MaerzMusik zu spielen. Georgis Aphergis ist meiner Meinung nach wohl einer der wichtigsten Komponisten der Gegenwart, der ganz autonom geblieben ist und eine sehr interessante Geschichte hat durch seine Musiktheaterarbeit in den Banlieues von Paris. Im Fokus, den ich Georgis Aphergis widme, geht es tatsächlich im Kern um ihn als Künstlerpersönlichkeit und um seine Musik. Die Zeitfragen sind natürlich immanent immer präsent, wenn wir von musikalisch gestalteter Zeit, also von Musik, sprechen. Im Fall des Aphergis-Schwerpunkts aber nicht so explizit wie bei anderen Formaten, die sich ganz bewusst mit konkreten Fragen von Zeitlichkeit auseinandersetzen. Es gibt auch andere Beispiele von Projekten, die autonomer im Festival präsent sind, weil sie meiner Meinung nach wichtige starke künstlerische Impulse setzen. Das Projekt von Zeena Parkins z.B., das bei uns uraufgeführt wird, oder andere.

KlassikInfo: Welches Publikum soll durch das Festival erreicht werden, sollen verstärkt Besucher angesprochen werden, die keinen klassisch-musikalischen Hintergrund haben?

Polzer: Mein Ziel ist es, Menschen anzusprechen, die sich für Kunst und die Problematik unseres Umgangs mit der wahrscheinlich wertvollsten Ressource, die wir haben, nämlich der Zeit, interessieren und sich dieser künstlerischen Erfahrung hingeben wollen. Ich bin kein Freund von Spartendenken oder von einem zu eng gefassten Szenedenken. Ich glaube, dass sich das Festival durch diese Fragestellung woanders positioniert und so vielleicht viele Menschen anspricht, die bisher mit zeitgenössischer Musik in dem Sinne noch nie in Berührung gekommen sind. Das ist wunderbar, und ich hoffe, dass ein möglichst heterogenes, komplexes und interessiertes Publikum zur MaerzMusik kommen wird.

Interview: Henriette Schwarz

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