In mir klingt ein Lied

Liebeserklärung ans Gärtnerplatz-Theater

Florian Simson Foto: Ida Zena

Claus Guth inszeniert eine „Operetten-Topographie“ in München
(17.03.2007) Was für ein beglückender Abend: 24 Stunden im Leben eines Theaters, durchschossen von der Erkundung einer fast 150-jährigen, wechselvollen (nicht zuletzt finster absurden Nazi-)Geschichte und einer Menge Schlager aus Film und Operette von Benatzky bis Millöcker, Johann Strauss bis Lehár und Robert Stolz. Für Claus Guths „Operetten-Topographie“ im Gärtnerplatz-Theater stand gleichsam das Haus auf der (Dreh-)Bühne. Von Christian Schmidt virtuos nachgebaut: das Foyer mit seinen Gauklern und der Zuschauerraum mit der 1937 eingebauten „Führerloge“, dazu zweimal die Gänge vor den Türen. Fast wird einem schwindelig von dem, was da auf der sich unablässig drehenden Scheibe alles geschieht: ein Nachtwächter sieht Gespenster, türkische Putzfrauen tanzen und singen ein bairisches Gstanzl, Statisterie probt ein Kellnerballett, ein Vorsingen mit sechs Damen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, schrappt zum Schreien komisch am Rand der Katastrophe vorbei. Und  dies alles als Work in Progress hauptsächlich mit Klavier.
Dann erst beginnt die Vorstellung mit der „Fledermaus“-Ouvertüre, von Guth ebenfalls hinreißend und mit einem untrüglichen timing bebildert mit einer Vielzahl Haupt- und Nebenhandlungen – kleinen Geschichten zwischen Eifersucht und Quickie, Mini-Tragödie und großen Gefühlen. Wie der Regisseur mit seinem Dramaturgen Konrad Kuhn anhand von Texten aus Archiven und ebenso perfekt ausgesuchten wie den Sängern auf den Leib geschneiderten Liedern immer wieder in die Untiefen des Theaterbetriebs und die Geschichte des „Gärtner-Theaters“ hinabtaucht, ist 150 Minuten lang ein köstliches Vergnügen. Und eine Liebeserklärung an das Haus, das Genre und die Sänger, von denen einige nach dem Intendantenwechsel im Sommer das Gärtnerplatz-Theater verlassen.
Unter Leitung von Andreas Kowalewitz tragen sie und der Chor den Abend: Cornelia Horak und Natalie Boissy, Florian Simson und Volker Bengl, Marianne Larsen, Ruth Ingeborg Ohlmann und Frances Lucey, Snejinka Avramova und Susanne Heyng, Michael Gann, Torsten Frisch und Dirk Lohr, dazu die Schauspieler Klaus Haderer und Hans Kitzbichler; last but not least Gisela Ehrensperger, die als Dienstälteste auch den Titelsong singen darf: „In mir klingt ein Lied.“   
Klaus Kalchschmid
Weitere Vorstellungen am 20. und 29. März, 1. und 16. April, 7. Mai, 27. Juni und 11. Juli.

Marianne Larsen, Snejinka Avramova, Florian Simson Foto: Ida Zena

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.