Il mondo della luna

Schuberts Mondfahrt

Mondflug via Cyberspace Foto: Armin Bardel / Theater a.d. Wien

Nikolaus Harnoncourt und Tobias Moretti bringen am Theater an der Wien Haydns Komödie "Il mondo della luna" auf die Bühne – einen Tag vor dem 80. Geburtstag Harnoncourts

(Wien, 5. Dezember 2009) Wie schön war es doch früher auf dem Mond. Als man noch nicht wusste, wie es dort aussieht. Von Wunderdingen und paradiesischen Zuständen schwärmten Dante und Cyrano de Bergerac, von Münchhausens Erzählungen gar nicht zu reden. Einen der größten Mondfanatiker trifft man auch in Joseph Haydns Oper "Die Welt auf dem Mond" "Il mondo della luna". Signore Buonafede glaubt, dass man auf dem Mond den Frauen, beim Auskleiden zusehen kann, und dass die Männer sie dort an Nasenringen herumführen. Da kommt Begeisterung auf bei Buonafede, weshalb er sich auch sofort zu einer Mondreise überreden lässt.
Die inszeniert sein trickreicher Freund Ecclitico, um auf dem Mond – so hofft er – endlich Buonafedes Tochter Clarice heiraten zu können. Denn auf dem Mond herrschen andere Gesetze, und die macht Ecclitico.

Joseph Haydns 1777 für Schloss Eszterhaza entstanden Komödie ist eine wunderbare Farce über die Kraft der menschlichen Einbildung und die heilende Wirkung von Enttäuschungen. Buonafede wird auf den Mond geschickt und damit übelst hinters Licht geführt – aber immerhin für einen guten Zweck. Nicht nur eine, sondern gleich drei von ihm zuvor verhinderte Ehen werden dadurch möglich. Und Bounafede ist von seinem Kontrollzwang gegenüber seinen Töchtern und seinen "eigenwilligen" Ansichten gegenüber Frauen geheilt. "Wir alle sind Buonafede", sagt Nikolaus Harnoncourt, der das Werk zum Ausklang des Haydn-Jahres am Pult seines Concentus Musicus im traditionsreichen Theater an der Wien dirigiert. Denn wir alle träumen uns beständig in vermeintlich bessere Welten hinein oder lassen uns solche allzu bereitwillig aufschwatzen.

Diesen aktuellen Bezug versucht Regisseur Tobias Moretti – ja, genau, der mit dem Hund – in seiner Inszenierung herauszustellen, wenn er Buonafede einen Cyberspace-Helm überstülpt, um ihm einen Blick auf die Mondfrauen zu gewähren.
Die verheißungsvollen Paradiese liegen also nicht mehr im Weltraum, sondern im Computer. Doch außer dieser guten Grund-Idee, fällt Moretti nicht viel ein, um der Komödie auch zu überzeugendem Bühnenleben zu verhelfen. Dietrich Henschel als Buonafede ist ein zugenknöpfter Spießer, zu realistisch, um lustig zu sein, seine Backfisch-Töchter sind stets zappelig und aufgedreht, und Ecclitico ein schmieriger Vorstadt-Gauner im Zuhälter-Outfit.
Wenn alle schließlich auf dem Mond angelangt sind, sehen Bühne und Kostüme aus wie eine Mischung aus Club Tropicana und Schulparty vor 20 Jahren: überall Goldfolie und glitzerndes Lametta vor Palmen- und Wasserfallkulisse. Das soll witzig wirken, ist aber eher peinlich (Bühne: Renate Martin und Andreas Dornhauser, Kostüme: Heidi Hackl). Die Töchter Flaminia und Clarice schweben gar in einem echten Zweiersessellift auf den Mond, auf dem der Schriftzug Axamer Lizum angebracht ist. Auch das ist leider kein Brüller. Und die Derbheiten von Buonafedes Haushälterin Lisetta sind einfach nur geschmacklos.

Auch muß man sich fragen, ob der viel gelobte Liedsänger Dietrich Henschel wirklich eine gute Wahl war für diese Buffo-Partie. Sein latent vorhandener Schuberternst jedenfalls zäumt die Figur von hinten auf, von der Moral der Geschichte – und das bekommt einer Komödie nicht wirklich. Auch stimmlich ist Henschel zu wenig karikierend, wenngleich der Stimmklang an sich wunderbar ist. Gesanglich brillieren können vor allem die beiden Buonafede-Töchter Anja Nina Bahrmann als Flaminia und Christina Landshamer als Clarice, sowie der augezeichnete Mozart-Tenor Bernard Richter.
Spannend und vielgestaltig klang, was aus dem Orchestergraben kam. Harnoncourt animiert seine Musiker zu detailverliebtem und gestenreichem Musizieren, lässt es auch mal grotesk pfeifen und scheppern, wenn es sein muß, dann wieder inniglich und herzerwärmend säuseln. Musikalisch also ein weitgehend gelungenes Plädoyer für den eher vernachlässigten Opernkomponisten Haydn, szenisch ist es dagegen keines.

Robert Jungwirth
Weitere Vorstellungen am 7., 9., 11., 13. und 22. Dezember
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