Idomeno Lyon

Menschen im Aggressions-Delirium

Idamante (Kate Aldrich) ist zur Opferung durch Idomeneo (Lothar Odinius) bereit. Foto: Jean-Pierre Maurin

An der Oper Lyon hatte Martin Kušejs Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ Premiere
Von Laszlo Molnar
(Lyon, 23. Januar 2015) Männer in dunklen Kampfanzügen, bewaffnet mit Maschinengewehren, mit denen sie herrisch herumfuchteln. Nackte Menschen mit verdreckten Körpern, die sich auf dem Boden winden, vor den Maschinengewehren davonkriechen wollen. Die von den Trägern der Gewehre immer wieder mit schweren Stiefeln getreten werden, um sich darauf noch mehr zu krümmen. Gruppen von Menschen in Alltagskleidung, die ebenfalls von den Gewehrmännern heimgesucht und umhergetrieben werden wie ängstliche Schafe. Gewehrmänner, die in Hausruinen herumschleichen, nach Feinden Ausschau haltend und Deckung suchend. Eine weiße Hauswand, aus deren türloser Öffnung ein Müllbrei quillt, dem man glücklicherweise nur ansieht, wie grässlich er stinken muss. Bilder, die, zugegeben, haften bleiben.
Bilder aus einem diktatorischen Staat nach der Heimsuchung durch einen Tsunami? Keinesfalls. Bilder aus der friedlichen Oper in Lyon und deren Premiere von Mozarts Oper „Idomeneo“. Mozart hat diese Oper bekanntermaßen 1780 im Auftrag des bayerischen Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz für den Karneval in München komponiert. Dort wurde sie 1781 im Cuvilliés-Theater uraufgeführt. Karl Theodor hatte aus seiner vorherigen Residenz Mannheim ein ausgezeichnetes Orchester nach München gebracht, das Mozart bereits kannte. Mit „Idomeneo“ verband Mozart die Hoffnung, eine Anstellung am Münchner Hof zu bekommen. Er wollte Eindruck machen und korrespondierte über seine Arbeit viel mit seinem Vater in Salzburg. Von Müllbrei war darin keine Rede – gleichwohl von Krieg und Menschenopfern.
Den setzte dafür nun Münchens Residenztheater-Direktor Martin Kušej seinem Publikum in Lyon bei der Premiere am 23. Januar im Opernhaus vor. Das Publikum von Lyon gibt sich ebenso unprätentiös wie aufgeschlossen, es geht locker in die Oper, freut sich an der ambitionierten Architektur von Jean Nouvel genauso wie am modern orientierten Spielplan des Opernchefs Serge Dorny.  Kušejs „Ideomeo“ aber begleitete es mit erstarrten Gesichtern, verhaltenem Applaus und, am Ende, mit wirklich kräftigen Buhs für den Regisseur. Das Musikteam hatte zuvor nicht minder kräftigen Beifall erhalten. Denn das musiziert und singt unter der Leitung von Gérard Korsten sehr frisch, modern im Sinne der „historischen“ Aufführungspraxis, passgenau mit den Sängerinnen und Sängern besetzt, die für ihre jeweiligen Rollen die richtige Stimmkultur und Ausstrahlung mitbringen. Musikalisch ein Genuss auf der Höhe der aktuellen Mozart-Interpretation.
So gesehen ist die Regie- und Ausstattungs-Arbeit von Martin Kušej und Herbert Stöger im Bühnenbild von Annette Murschetz und den Kostümen von Heide Kastler auch auf der Höhe der Zeit. Die Gewalt wird so gezeigt, wie sie sich uns Zeitgenossen allerorten darbietet: Menschen im Aggressions-Delirium, zerstörte Städte und Landschaften.
Nachrichten anschauen, Magazine lesen und in die Oper gehen sind eins. Die Kunst ist die möglichst realistische Darstellung des Geschehenden, verdichtet auf den kleinen Raum der Bühne. Entkommen unmöglich, weder für die Darsteller noch für die Zuschauer.
Mozarts Kreta mit seinen gefangenen Trojanern ist eine Art Guantanamo, das auch noch von Meeresungeheuern bedroht wird – in Gestalt eines ausgestopften Hais, der seine riesengroßen Zähne bleckt. Der Bühnenraum bietet sich denkbar trostlos dar, wie inspiriert von den leeren Arkaden-Reihen Giorgio de Chiricos und deren Fluchtpunkten in einem dunklen Nichts. Die intimen Szenen zwischen Idomeneo, Idamante, Ilia, Elettra und Arbace finden in kahlen weißen Räumen à la Isolierzelle statt. Dort stehen die Figuren gemeinsam, aber einsam, ringen mit sich selbst und laufen immer wieder aneinander vorbei. Ilia besingt ihr Schicksal zu Beginn des dritten Akts auf erwähntem Müllbrei aus der Meeresverschmutzung, der dann dem ganzen Akt erhalten bleibt, trotz happy end. Wie gesagt, diese Bilder bleiben haften.
An der Musik darf man ungeteilte Freude haben. Mit Lothar Odinius agiert ein präsenter, tragischer Idomeneo, der seinen kraftvollen Tenor sehr wirkungsvoll dunkel timbriert. Odinius‘ Idomeneo erlangt sowohl durch Stimme als auch durch Erscheinung große Statur. Ganz herausragend Julien Behr als Arbace; ein Tenor so strahlend, so koloraturfest, dass gleich seine Arie im zweiten Akt die Zuhörer zunächst ergriff, dann hell begeisterte. Bei den Damen berührte am stärksten die Ilia der Elena Galitskaya das Gemüt, stark und überzeugend verzweifelt erlebte man Ingela Brimbergs Elettra. Idamante ist mit Kate Aldrich richtig besetzt, aber auch nach jahrelanger Übung fällt es nicht ganz leicht, eine Hosenrolle wirklich als Mann wahrzunehmen.
Das Orchester lässt die anspruchsvolle Partitur sehr lebendig, auch etwas herb zu Ton kommen, aber das dient der Klarheit und der Präsenz aller Orchestergruppen. Die wichtigen Chorszenen singt strahlkräftig der für einen Opernchor ungewöhnlich homogen und jugendlich klingende Chor der Opera de Lyon.

Die Aufführung ist eine Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden und der Opera Vlaanderen. In Lyon ist sie noch zu sehen am 27., 29. und 31. Januar sowie am 2., 4., und 6. Februar 2015. www.opera-lyon.com.

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