Honens Klavierwettbewerb

Piano Rodeo am Fuße der Canadian Rockies

Jack-Singer-Concert-Hall in Calgary Foto: Veranstalter

Der 6. Internationale Honens-Klavierwettbewerb im kanadischen Calgary
(Calgary, November 2009) Kein Wunder, dass, wer hier am Fuße der kanadischen Rocky Mountains in der Rodeo- und Olympia-Stadt wohnt, so stolz auf "sein" Calgary ist! Seit 1988 hat sich die Zahl der Einwohner auf 1,2 Millionen verdoppelt, die Skyline sieht aus wie eine kleine Kopie von Hong Kong und im Schnitt sind die Menschen hier 32 Jahre alt. Das spürt man auch am regen Kulturleben der Stadt, das ein Reggae- und Jazz-Festival ebenso beherbergt wie ein Puppen- und Kindertheater, ein "spoken word festival", ein Tanztheater und Animationsfilmfestspiele, ein Opernhaus (“ target=“_blank“>www.cpo-live.com).
Ein auf engstem Raum untergebrachtes Musikinstrumentenmuseum kann zwar auch mit raren alten Cembali und Hammerklavieren aufwarten, aber am spannendsten und überraschendsten sind die vielen elektronischen Tasteninstumente aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die in der Filmgeschichte keine geringe Rolle spielten. Man kann sie bei einer Führung alle live erleben – samt einem Theremin, bekannt geworden durch seinen unheimlich wimmernden Klang in vielen Thrillern der 60er Jahre, und einer gewaltig aufbrausenden Theaterorgel von 1910! Wie überhaupt die "Cantos Music Foundation" großen Wert auf die Interaktion legt, auf die praxisnahe Vermittlung von Musik, sei es für Kinder oder ausübende Musiker, Laien oder Profis, was in dieser Intensität wohl einzigartig sein dürfte.
Auch der Ausflug in die Rocky Mountains bedeutete selbst für den an die Alpen gewöhnten Wanderer eine grandiose Begegnung. Mit dem Banff Center oberhalb der gleichnamigen Ferien- und Wintersportsiedlung – benannt nach dem schottischen Banffshire – erlebte er zudem ein riesiges Jugend-Kultur-Center, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Angesiedelt in atemberaubender Landschaft, finden ganzjährig, vor allem natürlich im Sommer, allerlei Workshops und Festivals (darunter ein Streichquartett-Wettbewerb und ein Bergfilm-Fest) statt. Es gibt Werkstätten für Klavierbau, Bühnenbild und Kostüm, Fotografie, bildende Kunst und neue Medien. Die Oper in Calgary koproduziert mit dem Banff Center, zahlreiche Konzerte zwischen Pop, Jazz und Klassik finden hier in verschieden großen Sälen statt, aber auch Toningenieure können hier ihr Handwerk lernen. Und um das leibliche Wohl muss man sich ebenfalls nicht sorgen.
Wer in Calgary Anfang November eine Woche für die letzten Semifinali und die Konzerte mit den fünf Finalisten beim 6. Internationalen Honens-Klavierwettbewerb – der alle drei Jahre stattfindet – verbringt, erlebt am Rande auch einzigartige Momente wie diesen: Am Tag nach dem letzten Semifinale gibt Gabriela Montero in einem akustisch hervorragenden Kammermusiksaal der Universität, der Eckhardt-Gramatte Hall im Rosza Centre, einen Klavierabend ausschließlich mit Improvisationen auf Melodien, die ihr aus dem Publikum gleichsam zugesungen werden. Doris Day und Neil Diamond waren dabei, schottische Traditionals und Enrico Morricone, aber auch die kanadische Nationalhymne! Stehend schmetterte sie der ganze Saal, Montero machte sich die Aura der großartigen Melodie ganz zu eigen und umkreiste sie auf Samtpfoten, bevor die Venezulanerin die Klavierpranken zeigte und in Variationen im barocken Stil immer neue Modulationen fand und bizarre polyphone Gebirge auftürmte. Großartig!
Dieser Abend war der perfekte Puffer zwischen den Semifinali, die jeweils ein kleines Konzert beinhalteten – Liedbegleitung + Zugabe (!) inbegriffen – sowie Klavierkonzerten von Prokofjew, Bartók und Ravel im Finale. Denn gesucht ist bei dieser einsamen exotischen Perle unter allen Klavierwettbewerben "The Complete Artist", will heißen, nicht allein der Tastenzauberer, sondern auch der Kammermusiker ist gefragt. Leider hatte es der Russe Stanislav Khristenko nicht ins Finale geschafft, obwohl er von den letzten vier Semifinalisten die schönste Symbiose mit der Mezzosopranistin Marie-Nicole Lemieux geboten hatte – mit Verlaine-Vertonung von Reynaldo Hahn und Claude Debussy – sowie grandios lebendig durchsichtigem elegantem Rameau. Aber wie beim ARD-Wettbewerb zählen eben alle Runden für das Weiterkommen, und da muss es zumindest bei ihm Defizite gegeben haben.
Immerhin schaffte es Kirill Zwegintsov mit einer wunderbar introvertierten b-moll-Sonate von Schostakowitsch und brillantem, tiefenscharfem Messiaen ins Finale. Da spielte er denn auch Sergej Prokofjews zweites Klavierkonzert mit großer Sensibilität und feiner Anschlagkultur, selbst in der hypertrophen, gewaltigen Kadenz des ersten Satzes, eigentlich überzeugender als der zweite Preisträger Evgeny Starodubtsev mit demselben Konzert, der allerdings schon in der ersten Runde im April in München mit Chopin und Szymanowski rundweg begeisterte
Der eminent positive Eindruck des erst 21 Jahre alten Georgy Tchaidze aus der ersten Runde mit Scarlatti, Schubert und Ravels "La Valse" (Kritik lesen). (Kritik lesen) bestätigte sich ebenfalls Monate später mit Prokofjews drittem Klavierkonzert. Alles stimmte: Wie der junge Russe stets die Spannung hielt, wie präzise im Detail er modellierte und den Flügel noch im Diskant bei lauten Stellen rund klingen lassen konnte, das rechtfertigte den ersten Preis. Der Schweizer Gilles von Sattel landete leider nur auf dem dritten Platz, obwohl er das zweite Bartók-Konzert mit enormem Farbenreichtum und einem in die Tiefe zielenden Spiel realisierte. Immerhin bekam er auch den Preis für die beste Interpretation des Auftragswerks, Brian Currents "Leaps of Faith".
Obwohl es Tom Poster nicht ins Finale schaffte, bekam er doch den Preis für die beste Kammermusik-Darbietung. Und wer ihn bei einem Lunch-Konzert mit Chopins dritter Sonate, dem G-Dur-Impromptu Schuberts und vor allem dem op. 109 von Beethoven erlebte, konnte nur staunen über soviel Noblesse und pianistische Souveränität. Bleibt von den fünf Finalisten Natacha Kudritskaya, die ein subtiles Ravel-Konzert spielte, damit aber leider keine Palme gewinnen konnte. Jedenfalls war das Finale unter der ausgezeichneten musikalischen Leitung des gebürtigen Linzers Christoph Campestrini, der Calgarys Symphonieorchester mit Erfolg in der ebenfalls atmosphärisch und akustisch exzellenten Jack Singer Concert Hall des EPCOR CENTRE for the performing Arts enorm gefordert und zu intensivem Zusammenspiel mit den fünf Finalisten verführt hatte, in jeder Sekunde spannend und auf hohem Niveau. Das kann man von manchem allzeits bekannteren Wettbewerb oft nicht behaupten.
Klaus Kalchschmid